Freiheit ist nicht gleich Anarchie– Crowd arbeitet an universellen Prinzipien zur Meinungsfreiheit

21.08.2012

Kommunizieren um jeden Preis, ohne Rücksicht auf Verluste scheint im Internet einfacher denn je. Es gibt kaum verbindliche Richtlinien für respektvolles und höfliches Verhalten im Netz. Bis jetzt! Zusammen mit einer Gruppe von Masterstudenten der Universität Oxford hat der renommierte britische Historiker Timothy Garton Ash eine Plattform Free Speech Debate gestartet, auf der die Crowd Prinzipien zur internationalen Kommunikation erarbeiten soll.

Die Frage ist, wer das Recht hat Inhalte im Web zu kontrollieren und Maßstäben festzulegen? Wo liegen die Grenzen von Meinungsfreiheit?

Zur Klärung der Frage wurden von Prof. Garton Ash und seinem Team zehn Prinzipien vorgegeben, die von der Crowd diskutiert und revidiert werden sollen. Gleichzeit besteht die Möglichkeit, weitere Prinzipien mit aufzunehmen. Um informiert an der Debatte teilnehmen zu können, werden regelmäßig neue Fallbeispiele veröffentlicht. Fast die ganze Homepage wurde in 13 Sprachen übersetzt, so können momentan 80% aller Internetnutzer erreicht werden.

Prinzip sechs zum Beispiel lautet: „Weder drohen wir mit Gewalt, noch akzeptieren wir gewaltsame Einschüchterung.“ Wer sich unter dieser Phrase nichts vorstellen kann, der kann unter Prinzip 6 den Kommentar und die ausführliche Erklärung lesen. Eines der zugehörigen Fallbeispiele erläutert den Fall eines pakistanischen Journalisten, der nach der Veröffentlichung eines regierungskritischen Artikels ermordet wurde. Ein anderes Fallbeispiel zu einem weiteren Prinzip („Wir sprechen offen und mit Höflichkeit und Respekt über jegliche Art von Unterschieden zwischen Menschen“) handelt von Hasspredigten und warum sie nicht verboten werden sollten Fallbeispiel. Es werden durchaus kontroverse Meinungen und aktuelle Probleme angesprochen und diskutiert. Was teilweise etwas unbefriedigend ist, ist das Fehlen eines konkreten Fazits oder ein greifbares Ergebnis der einzelnen Diskussionen, so wie die abstrakte Formulierung der Prinzipien.

Die Motivation hinter dem Projekt ist, universell gültige Regeln zu finden, mit denen sich Internetnutzer aus aller Welt und aus allen Kultur/Religionskreisen identifizieren können.
Angesprochen werden also “Wir“. Wir, die Bürger und Netzbürger, und nicht die Staaten dieser Welt. Es geht nicht darum, was Staaten, sondern was der einzelne User im Netz darf und was nicht. Crowdsourcing sich für die Lösung dieser Aufgabe anbietet, ist offensichtlich, schließlich solle eine breite Masse an der Ausarbeitung beteiligt werden. Jede Meinung zählt und auch wenn es sich bei Free Speech Debate vorerst nur um ein Pilotprojekt handelt, von dem noch keine verbindlichen und allgemein anerkannten Regeln zu erwarten sind, ist es der erste Anstoß einer transkulturellen und mehrsprachigen Debatte zu einem Thema, das uns alle angeht und so noch nie aufgearbeitet wurde.