Asklepios from Outer Space – von William

07.11.2013

Schweißgebadet und abrupt wachte Frank in beklemmender Dunkelheit auf. Er hatte wieder einen dieser Fieberträume und es dauerte einige Sekunden, bis er sich seiner Situation bewusst wurde. Frank war ein Heroin-Junkie, stets abgebrannt, abgemagert und frei von jeglicher moralischer Selbstreflexion, wenn es um die Beschaffung seines nächsten Schusses ging. Neben dem Ausrauben von Omis und diversen Stricheraktivitäten, dominierte der Rausch seinen Alltag. Familie und Freunde haben Frank längst aufgegeben und ihn aus ihrem standardisierten, idyllischen Dasein verbannt. Doch auch Frank selbst hatte seine jämmerliche Existenz satt. Zu ängstlich für den Suizid, zu willenlos und pleite für eine professionelle Entgiftung legte er sein Schicksal in die Hände des in der Fixerszene als Wunderheiler verschrienen Mr. Asklepios.

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Frank kontaktierte den mysteriösen Mann, der wohl aus New York kam und über dessen Gestalt und Methodik auf der Straße nur gemunkelt wurde, über eine Telefonnummer, die ihm ein stadtbekannter Spritzer für ein halbes Gramm Smack organisierte.

Komm zur Jefferson-Street 245 und bring 50 $ mit! waren seine einzigen, routinierten und tief gemurmelten Worte, nachdem Frank ihm sein Problem offenbarte. Frank traf Mr. Asklepios in einer riesigen Ruine die er, aufgrund der Haken und Maschinen, als stillgelegten Schlachthof identifizierte. Der Wunderheiler verabreichte Frank 3 Pillen, bat schweigend, ihm in die Kellergemäuer zu folgen und zeigte Frank einen 10 m² großen Raum, der von der Ausstattung her an eine heruntergekommene Knastzelle erinnerte. Frank war natürlich ziemlich high und bevor er auch nur auf die Idee hätte kommen können, sich über die folgende Prozedur zu informieren, setzten ihn die Pillen auch schon knock out. Seit Frank wieder zu sich kam, fristet er sein Dasein zitternd, stöhnend und schlaflos in diesem isolierten und gut verriegelten Raum.

Asklepios großes Geheimnis war also nichts weiter als Gefangenschaft und kalter Entzug? fragte sich Frank, dem seit Jahren ohnehin alles scheißegal war trocken. Ein kleiner Vorrat an Wasser und Brot implizierte eine gewisse Überlebensabsicht und solange er hier entweder clean oder zur Not auch tot wieder rauskommen würde, war dem verzweifelten Junkie jedes Mittel recht. Frank hatte keine Ahnung wie lange er schon auf der versifften Matratze verweilte, aber aufgrund der Schmerzen, Zitterkrämpfe und Halluzinationen schätze er, dass es sich bereits um den dritten Tag handeln musste.

Der dritte Tag ist der schlimmste. Du fühlst dich als würde dich etwas von innen zerfressen und du bekommst die krassesten Illusionen. Frank erinnerte sich an jene Worte, die er einst in einer Unterhaltung mit einem Ex-Junk, der den kalten Entzug überlebt hatte und ein Jahr später von einem Laster überrollt wurde, aufgeschnappte. Unter schwerem Stöhnen quälte sich Frank dazu seinen stinkenden, klapperdürren Körper aufzurichten und ihn auf der Schüssel zu platzieren. Er kratzte sich den rechten Arm und versuchte krampfhaft nachzudenken. Theoretisch hätte ihm der bisherige Aufenthalt in diesem übel riechenden Loch wie eine Ewigkeit vorkommen müssen, doch die Zeit schien hier trotz all der Qual und Monotonie zu rasen. Frank erinnerte sich, dass er sich einen Tag vor dem Treffen mit Asklepios ausnahmsweise einer Rasur unterzogen hatte. Als er sich jetzt jedoch über sein Kinn strich fühlte er keinen Drei-Tage-Bart sondern einen flauschigen Vollbart. Frank verdrängte diese Kuriosität, da der Denkprozess ihm zu sehr zu schaffen machte.

Hämmernde Kopfschmerzen kündigten sich an. Scheiße, sagte Frank und wischte hurtig ab um sich auf die erlösende Matratze zurück zu kämpfen. Die Strapaze kostete ihn das letzte Fünkchen Energie und kurz nachdem er wie ein nasser Sack auf seine dürftige Schlafgelegenheit krachte, setzten auch schon wieder seine skurrilen Tagträume ein. Frank riss die Augen auf. Dem grellen Licht zufolge befand er sich in einer Art Operationssaal. Frank versuchte sich umzuschauen doch sein Hals blieb starr. Die Situation kam Frank merkwürdig vertraut vor. In seinem eingeschränkten Sichtfeld konnte er diverse Metallschläuche und an der seltsamen Apparatur erkennen. Die restliche Umgebung schien einfach nur durch das penetrante, helle Licht definiert zu sein. Ein konstanter, schillernder Ton erklang von irgendwo her und auch die futuristischen Geräte begannen wie wild zu summen und zu pumpen. Frank, der von seinem tatsächlichen Elend entweder einfach nur abgelenkt oder – warum auch immer – erlöst war, geriet langsam in Panik. Doch jeder Versuch einer Muskelkontraktion blieb unerhört. Dann geschah es. Schatten zeichneten sich im grellen Licht ab und beugten sich langsam über Frank. Er traute seinen Augen kaum. Durch die allmähliche Lichtadaption konnte Frank die Gestalten immer definierter erkennen. Riesige, deformierte graue Köpfe mit Glubschaugen beugten sich über ihn, während lange, dünne Finger seinen Körper erkundeten. Und dann erkannte er ihn. Dr. Asklepios trat langsam auf Frank zu und musterte ihn mit einem höhnischen Grinsen. Das Summen wurde lauter und das Licht noch greller. Eine der Gestalten hielt nun einen dünnen, bohrerähnlichen Gegenstand zwischen seinen spinnenartigen, schleimigen Fingern. Die Hand wanderte langsam, samt dem mittlerweile auf Höchstgeschwindigkeit rotierenden Bohrer auf Franks Stirn zu und die Geräuschkulisse wurde unerträglich. Der Bohrer setzte unter fürchterlichem Knirschen auf und Frank stieß einen endlosen, stummen Schrei aus. Panisch riss Frank die Augen auf. Es war alles beim Alten. Der dunkle, stinkende Raum, die dicken Wände und das schmantige Klo. Alles nur eine weiter Halluzination. Doch wo waren die Schmerzen, das Zittern, die Übelkeit und der Drang nach Stoff. Ein lautes, mechanisches Ein- und Ausrasten dröhnte von außen.

Das erste fremde Geräusch seit Tagen… dachte Frank. Das muss die Tür sein! Überrascht von der plötzlichen Einfachheit dieses verhassten Aktes richtete sich Frank auf und stolperte übereifrig zur Tür. Tatsächlich.. Sie ist offen…. Er betrat den langen Korridor und schaute sich um. Niemand. Frank fühle sich überragend. Scheinbar war er tatsächlich clean. Was für ein merkwürdiger Horrortrip… Auf dem Weg nach oben fand Frank ein leicht rostiges Blatt einer mechanischen Metallsäge. Er hob es auf und blickte in das Gesicht eines faltigen, grauhaarigen Greises mit einer kreisrunden Narbe auf der Stirn.

Für den Inhalt und die Gestaltung der Geschichten sind die benannten Autoren verantwortlich. Alle Rechte liegen bei den Autoren.

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Dieser Artikel wurde am 07.November 2013 von mandy geschrieben.

von: Mandy Steffan

Mandy Steffan, Community Management