Der antike Tod – von Carola Kickers

07.11.2013

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“Ich glaube, sie ist erlöst, Mutti”, sagt der blonde Junge mit den strubbeligen Haaren am Küchentisch und betrachtet seine sauber gewaschenen Hände. Er fühlt sich gut. Er ist stolz auf sich.

Als seine Mutter nicht reagiert, beharrt er “Doch, es ist wahr!”. Sie stellt ihm einen Teller mit dünner Suppe und eine Scheibe Brot hin. Die Willows sind arm.

“Iss deine Suppe, John, und hör auf, Unsinn zu reden.” Die Mutter fährt dem Achtjährigen mit der rechten Hand durch die zerzauste Frisur. Sie ist erschöpft von ihrer Arbeit in der Wäscherei. Die Knochen tun ihr weh und ihre Arme sind gerötet von der Lauge.

John starrt auf das Essen vor ihm, beginnt mit seinem Löffel darin herum zu fischen, tunkt das schon etwas trockene Brot hinein. Die Mutter räumt das Geschirr weg, dann geht sie in den Keller, um Kohlen herauf zu holen und stößt gleich darauf einen schrillen Schrei aus. John hört, wie die Kohlen die Treppe hinunter poltern.

Am Ende der wenigen Holzstufen liegt Bobby, die alte Terrierdame, völlig reglos. Blutiger Schaum quillt zwischen den bleichen Lefzen hervor. Jetzt braucht er nicht mehr mit dem alten Hund Gassi zu gehen und seine Zeit zu verschwenden. Außerdem hat seine Mutter das Geld für das Hundefutter gespart und kann ihm endlich das langersehnte Spielzeug kaufen.

Auf dem Tellerrand hat er mit Brot fünf Buchstaben zu einem Wort geformt: G R A C E – Gnade.

* * *

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John Willows Art, Dinge zu beseitigen, die seinen Wünschen entgegen standen, hatte sich in den letzten Jahren wesentlich verfeinert, war aber immer noch so rigoros wie früher. Auch sein Verlangen, dadurch Geld und Vorteile zu gewinnen, wuchs im Laufe der Zeit und fokussierte sich auf größere Ziele. Sein sozialer Aufstieg begann mit seiner Vermählung mit Jennifer Ellis, der Tochter eines wohlhabenden Juweliers in London. Endlich konnte er die graue Vorstadt verlassen und in das Herz des britischen Empires ziehen. Den Kopf voller Pläne und wirren Ideen.

Natürlich machte er sich gleich daran, das Geschäft zu erweitern. Da ihn besonders alte Dinge faszinierten, eröffnete er bald einen eigenen Laden mit dem bezeichneten Namen “The Past of Future”. Er besaß immer schon einen recht zweideutigen Sinn für Humor.

Er liebte es, sich ausgiebig mit feinmechanischen Dingen zu beschäftigen. Uhren zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen war mehr als ein Hobby für ihn – eine Leidenschaft. Obwohl er es nie gelernt hatte. Ein Arzt in seiner Kindheit hatte dem introvertierten Jungen eine Art Zurückgebliebenheit bescheinigt, was seine Mutter entsetzte und sie noch fürsorglicher werden ließ. Aber John war das genaue Gegenteil von zurückgeblieben, er besaß einen ungewöhnlich hohen Intelligenzquotienten, den er allerdings niemanden offenbarte. Menschen interessierten ihn nur, wenn sie seinen Zwecken dienten – wie Jennifer.

Auch die Reparatur von antiken Schmuckgegenständen kam nach und nach hinzu. Dabei entwickelte er weniger ein Faible für edle Steine als vielmehr für die kleinen unbedeutenden Dinge. Ganz besonders Schmuck mit Markasiten faszinierte ihn mit seinem dunklen Glanz. Der kleine Laden in der Portobello Road avancierte rasch zum Geheimtipp in der Londoner Gesellschaft.

Seine junge Frau bekam ihn seit der Geschäftseröffnung nur noch selten zu Gesicht und fühlte sich natürlich vernachlässigt. Sie drängte darauf, dass er mehr Zeit mit ihr verbrachte, sie zu diesen langweiligen Dinnerpartys begleitete und Ausflüge in den Zoo und zu Ausstellungen mit ihr unternahm. Das Schlimmste aber für ihn war: Jennifer wollte unbedingt Kinder haben, was Johns Missbilligung fand. Menschen stahlen ihm schon genug seiner kostbaren Lebenszeit. Offen zeigte er diese Missbilligung jedoch nie. Nach außen gab er sich ganz als liebevoller Ehemann. Niemand, der ihn kannte, würde je etwas anderes von ihm behaupten.

Das hatte natürlich auch einen Grund, denn in Bezug auf Geld war John immer noch von Jennifers Vermögen abhängig, hatte sie ihm doch den Kredit für den Laden und die ersten Wareneinkäufe gewährt. Er liebte die kleine blonde Jennifer auf seine Weise, doch Abhängigkeit ziemte sich nicht für einen guten Geschäftsmann, wie er es war. Abhängigkeit hatte er immer gehasst, schon damals, als seine Mutter noch lebte. Sie möge in Frieden ruhen. Er hatte für diesen Frieden gesorgt, bevor ihm die herzkranke alte Dame auf der Tasche liegen konnte. Im Gegensatz zu Bobby hatte sie damals nicht groß leiden müssen. Nun würde er sich um Jennifers Bedürfnisse kümmern müssen. Kinder standen nicht auf seinem Plan. Diesem Thema wich er aus oder vertagte es geschickt, sobald es zur Sprache kam. Stattdessen schenkte er ihr regelmäßig das eine oder andere der herrlichen Schmuckstücke aus seiner Kollektion antiker Schätze. Sie würde diese sowieso nicht lange tragen können. Doch ihre kindliche Freude darüber war immer recht ergötzlich.

* * *

Zwei Monate später war Jennifer Ellis tot. Wochen zuvor siechte sie bereits dahin ohne, dass die Ärzte eine konkrete Ursache für ihr Leiden finden konnten. Übelkeit und Erbrechen quälten Sie. Der einst rosige Teint war einem fahlen Grau gewichen. Man ließ sie zur Ader, was ihren Verfall nur noch beschleunigte. Der Tod schien eine Erlösung für die junge Frau zu sein. Eine Obduktion wurde nicht angeordnet. Es bestand kein Verdacht auf ein Verbrechen. Niemand würde dem ehrlich trauernden jungen Ehemann und der angesehenen Familie so etwas zumuten wollen!

Für John schien sich nach Jennifers Ableben alles zum Guten zu wenden. Er hatte Zeit, sich mit seinen kleinen Kostbarkeiten zu beschäftigen, bei denen er die Welt um sich vergaß. Kunden empfand er fast schon als störend, doch er hielt die Tarnung aufrecht, sonst hätte womöglich sein Schwiegervater Verdacht geschöpft.

An diesem Morgen betrat ein älterer Herr sein Geschäft, um eine Taschenuhr und ein Collier mit einem defekten Verschluss reparieren zu lassen. “In zwei Tagen können Sie alles wieder abholen”, mit diesen Worten stellte John die Quittung aus und reichte es seinem Kunden. Dieser wirkte erschöpft und müde. John erkundigte sich aus Höflichkeit nach seinem Befinden, obwohl es ihn nicht wirklich interessierte.

Der Herr, der sich als Adam Buttercup vorstellte, seufzte: “Meine Frau ist ein regelrechter Drachen, wenn Sie verstehen. Sie hat mich, glaube ich, nur geheiratet, um an Dienstpersonal zu sparen. Es ist ein Kreuz, wirklich. Selbst die Clubabende mit meinen Freunden verbietet sie mir. Und meine geliebten Zigarren muss ich vor ihr verstecken.”

John sah seinen Besucher aufmerksam und prüfend an. “Warum lassen Sie sich das gefallen?”

Mr. Buttercup nahm seine Melone ab, was seine unterwürfige Natur noch deutlicher machte und schütteres weißes Haar zum Vorschein kommen ließ. “Ich denke, sie macht mir Vorwürfe, dass wir keine Kinder bekamen, obwohl gar nicht feststeht, woran es liegt. Aber sie lässt es mich spüren. Fast fünfundzwanzig Jahre dauert diese Schikane nun an.”

Er seufzte wieder. “Ich kann mich leider nicht scheiden lassen. Des Geldes wegen, wissen Sie. Anna war eine gute Partie damals.” Er zwinkerte John verschwörerisch zu.

Dieser nickte. “Ich könnte Ihnen da einen Tipp geben. Allerdings dürfen Sie keine Skrupel haben.”

Deutlich sah John die Hoffnung in den graublauen, wässrigen Augen seines Kunden aufblitzen. “Wirklich?”

“Ja, und Sie müssen mir versprechen, dass Sie Schweigen werden wie ein Grab.” Johns Stimme klang fordernd und eindringlich.

Adam Buttercup nickte mehrmals hintereinander. “Selbstverständlich.”

John Willows ging in das Hinterzimmer seines Ladens und kehrte mit einem Schmuckstück zurück. Einer prächtigen Markasitbrosche in Form eines Schwans, welche einem edlen Pelzmantel zur Ehre gereicht hätte. Er reichte sie dem grauhaarigen Herrn, der sie ehrfürchtig betrachtete und dann zurück gab.

“Wunderschön”, sagte Mr. Buttercup. “Aber ich verstehe nicht, was ich damit soll. Ich habe nicht vor, meine Frau für ihre Tyrannei noch zu belohnen.”

John beugte sich zu seinem Kunden vor und flüsterte ihm zu: “Es ist nur ein Hinweis, was Sie daraus machen, ist allein Ihre Sache. Sie müssen die Steine aus dieser Brosche herausbrechen und zerstoßen. Das Pulver daraus mischen Sie ihrer Frau in das Essen. Immer nur eine winzige Prise alle zwei Tage. Das ist wichtig, sonst geht es zu schnell und man könnte Verdacht schöpfen. In spätestens zwei Monaten wird sich ihr Problem erledigt haben. Beim Alter ihrer Frau vermutlich bereits in wenigen Wochen.”

“Was soll denn an diesen Steinen so besonderes sein? Das sieht doch aus wie jeder andere Schmuck, den unsere Damen tragen. Markasit, nicht wahr?”, wunderte sich der ältere Herr.

“Es ist auch Schmuck. Und es ist Markasit, allerdings eine andere Varietät dieses Steines. Dieser hier”, er hielt die Brosche ins Licht, um das Funkeln der geschliffenen Steine noch mehr herauszulocken, “nennt sich Lonchidit. Es ist nicht leicht, ihn zu besorgen. Er enthält Schwefel, Eisen und vor allem – Arsen.”

Mr. Buttercup starrte den jungen Mann an. “Aber das ist doch….”

John schüttelte den Kopf, als wüsste er, was sein Kunde sagen wollte. “Nein, kein Mord. Nennen Sie es … Gnade. Es ist doch eine Erlösung für Sie beide. Nutzen Sie die Zeit, die Ihnen auf dieser Welt noch bleibt. Für drei Pfund gehört sie Ihnen.”

Adam Buttercup überlegte einige Sekunden. Die Lösung für all seine Probleme war zum Greifen nah. Er konnte einfach nicht widerstehen. “Packen Sie mir die Brosche bitte als Geschenk ein”, sagte er dann fest entschlossen und zahlte den geforderten Preis.

“Gerne”, John überreichte ihm den kleinen Schmuckkarton. “Und empfehlen Sie mich weiter!”

* * *

Für den Inhalt und die Gestaltung der Geschichten sind die benannten Autoren verantwortlich. Alle Rechte liegen bei den Autoren.

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Dieser Artikel wurde am 07.November 2013 von mandy geschrieben.

von: Mandy Steffan

Mandy Steffan, Community Management