Der Schafterrorist – von Monika Schohe

07.11.2013

„Lass uns das mal ansehen, ich fange einfach eine Stunde später mit der Arbeit an, die läuft nicht weg!“, meinte S. „Mein Gedanke! Die Sonne animiert zum Innehalten“, meinte P und sie freute sich auf das spontan beschlossene Zusammensein in dieser ruhigen, sonnendurchstrahlten Morgenwelt.

Die nächste Abfahrt fuhren sie heraus in Richtung der Schafwiese. Sie bogen einen Feldweg ein, das Auto hoppelte hasenhaft ein paar hundert Meter, bis sie an der Stelle angelangten und ausstiegen, ihre sonderbare morgendliche Entdeckung näher in Augenschein zu nehmen.

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„Ein Meisterwerk!“ staunte P, als sie die Steinschafe mit Händen und Augen begutachtete. „Das ist mal eine gute Idee! Aus Steinen Schafe geformt, wie eine Art Mahnmal, um zu sagen: Seht her, für was die Wiese da ist, nicht für Industrieanlagen, für diese Lebewesen, sie ernähren sich davon!“, meinte P weiter.

S dachte praktisch: „Wer die wohl da hergebracht hat? Es sind sonst hier in der Gegend keine solchen Steine zu finden. Hab auch nichts in der Zeitung gelesen oder gesehen, dass ein Künstler hier eine Open Air-Kunstveranstaltung macht oder so was in der Art… Hm, muss doch ‘ne Aktion gewesen sein, die hier herzuschleppen, guck mal, das sind 10 Riesenklötzer von Steinen!“
„Naja, hier sind ja dicke Traktorspuren, hat vielleicht ein künstlerisch veranlagter Bauer, dem das Grundstück gehört, als seine persönliche Schnapsidee gefertigt und auf seiner Wiese platziert. Warum nicht?“
„Oder ein sanktionierter Bauer, der den Großgrundbesitzern zum Opfer fiel und seine Schafe verloren hat und nun seine Wiese als Mahnmal benutzt!“, sponn S weiter.
„Naja, sind alles nur Geschichten, wir wissen gar nichts!“, setzte er nach.
„Sehen aber wie echt aus, friedlich und schön, wie die Sonnenstrahlen den Stein erhellen…“
Noch eine halbe Stunde freuten sie sich der guten Morgenluft und gingen auf dem Feldweg entlang, hingen ihren Gedanken nach oder schoben sie einfach beiseite.
„Das ist Leben aus dem Moment heraus!“, meinte S und schritt fröhlich dahin.
Beide nahmen den Spaziergang wie ein tagerfrischendes Morgenfrühstück auf und mit als Begleiter in ihren Arbeitstag.

Drei Tage später stutzte S beim Blick in die Ortszeitung.
„Schau mal, das sind doch unsere Schafe“, rief er aus. P kam aus der Küche und bekräftigte beim Anblick des Fotos: „Ja, genau, da hat also noch wer Gefallen daran gefunden, schön!“
„Im Gegenteil“, meinte S, „hier hat der Besitzer der Wiese Anzeige erstattet gegen Unbekannt. Seine Wiese ist eigentlich schon an einen Großkonzern verkauft, der wollte nächsten Monat dort mit den Baumaßnahmen beginnen.“
„Ups, ist ja ein Ding, ich würde wohl eher bei Großunternehmen Ursachen finden für Strafanzeigen. Der Bauer scheint eher geld- als naturorientiert zu sein, so scheint mir!“, gab P zur Antwort.
„Er will sich eine goldene Egge verdienen“, spöttelte S.
„Der Normalo unter den Bauern hat heutzutage ja auch einen schweren Stand, ist ganz klar und ich möchte auch nicht über Nacht in meinem Hof Steine herumliegen haben!“, dachte P laut.
„Ja, aber der Bauer wohnt ja nicht auf dieser Wiese! Aber Fakt ist, jemand hat auf dem Grund und Boden, der laut Papier ihm gehört, Dinge platziert, die ihn hindern, ihn auf seine Art und Weise zu nutzen.“
„Was ist das schon, auf Papier? Was besitzen wir eigentlich wirklich, hm? Steht uns das tatsächlich zu, es alleine zu nutzen? Bei den Mäusen, Hasen und Schmetterlingen ist dieses Thema überhaupt nicht da. Dieses Gehabe von ‚das ist meins‘, ‚das ist deins‘ ist anerzogenes Denken. Wir wollen eine Ordnung, eine Sicherheit schaffen und schaffen nur Unordnung und immer mehr Unsicherheit damit. Es müssen immer mehr, immer kompliziertere Gesetze her, das Besitzstandsdenken fußt auf immer mehr nachgestützten Hölzchen. Sag mal, da sind doch jetzt unsere Auto- und Fußspuren…“, sinnierte P.
„Was willst Du damit sagen? Hast Du etwa Angst vor Ermittlern? Na und? Wir haben die Steine dort nicht hingestellt und Angst gibt erst dem Hund Anlass zu beißen!“, erwiderte S.
„Ja, Tiere spüren Energien, Menschen können das aber auch, es ist nur sehr vielen nicht bewusst…“, sprach P weiter.
„Dafür haben sie ihre Lügendetektoren erfunden, die nehmen ihnen ab, zu entscheiden, wer der Sündenbock ist!“ setzte S hinzu.

Damit beließen sie es und dachten nicht mehr weiter an diese Sache, bis vierzehn Tage später an einem zehn Kilometer entfernten Ort auf einer weiteren Wiese drei Steinschafe der gleichen Art aufgespürt wurden. Beim Nachlesen über diese Sache entdeckte S einen kleinen, fast unscheinbaren Hinweis auf die beabsichtigte Nutzung: Es sollte Genmais darauf gepflanzt werden! Eine ortsansässige Gruppierung, naturliebend, hatte es zutage gebracht.

„Das ist wirklich ein Ding! Da sind Kornkreise nichts dagegen!“, meinte P.
„Ja, Respekt, imponiert mir, der das macht. Mich wundert allerdings, wer das sein kann. Er muss bildhauerisches Talent besitzen, an die Steine herankommen, es dauert doch eine gewisse Zeit, bis so eine Steinskulptur gefertigt ist, das hämmert, macht Lärm, muss doch auffallen!“, überlegte S laut.
„Stell Dir vor, gestern kam mir zu Ohren, dass sie beim Grabstein-Hersteller um die Ecke auf dessen Gelände Ermittlungen angestellt haben…“, fiel P dazu ein.
„Jemand, der sich tagtäglich mit dem Tod befasst, macht auf sterbendes Leben aufmerksam, klingt interessant!“, bemerkte S philosophisch. „Nun, gefunden haben sie nichts, wär ja auch ziemlich offensichtlich. Wer so ein Meisterstück vollbringt, für mich ist es so etwas, der ist nicht von einer solchen Naivität, dass er seine Türen aufhält und sagt: „Kommt her, guckt her, ich war das! Ich habe so das Gefühl, dass dies noch nicht die letzte Veranstaltung war…“.

P gefiel das, er fand diese Person, wer auch immer es war, hochinteressant und das Geschehen ließ ihn nun gedanklich nicht mehr los. Es war spannend.
So war es fast nicht mehr verwunderlich, dass man in entgegengesetzter Richtung fünfzehn Kilometer entfernt nach drei Wochen fünf weitere Steinschafe vorfand. Dieses Mal auf einem kleinen Grundstück mit einem Teich, der zwecks neuer Autobahntrasse trockengelegt werden sollte. Mittlerweile überschlug sich die Presse mit Meldungen, nicht nur mehr die Ortspresse hatte ihr Futter. „Der Schafterrorist hat schon wieder zugeschlagen“, hieß es da. Trotz heißer Ermittlungen steht die Polizei vor leeren Stühlen. Ist es eine Person, sind es mehrere? Man kannte zwar mittlerweile den Reifentyp des schweren Fahrzeugs, mit dem die Steine jeweils an die Stätten geschafft wurden, aber den Fahrzeughalter konnte man bis dato nicht ermitteln. Die Bevölkerung wurde um Mithilfe gebeten. Belohnungen wurden ausgesetzt. Die Ergebnisse waren gleich null. Im Gegenteil, im Supermarkt, beim Friseur, beim Bäcker, egal wo, überall konnte man in der Bevölkerung eine Sympathie für den Schafterroristen erkennen, der sich alleine gegen die mächtige Großindustrie stellte. Es wurden Ahnungen laut, es könnte der oder der sein, doch nachweisen konnte niemand etwas. Allerdings nahm die Zustimmung heimlich zu. So mancher hätte wohl eher dem Schafterroristen geholfen, als ihn der Polizei auszuliefern.

Drei Stunden später als gewöhnlich traf L mit dem Traktor auf dem Gelände des Sägewerks ein. Er hatte seinen letzten Stein abgelegt, eher abgerollt, mit seiner selbstgezimmerten Hebe- und Rollzugmechanik. Dieses Mal allerdings hatte er allerdings kurz einen Schwächemoment, stolperte, stieß mit dem Kopf an eine Kante und musste wohl eine Zeitlang bewusstlos auf dem Wiesengrundstück herumgelegen haben. Grade schaffte er es noch, das Fahrzeug an seinem gewohnten Platz abzustellen und abzuhauen, nach Hause. Von dort meldete er sich bei diesem Sägewerk, seinem Arbeitgeber, krank, warf sich wie ein Toter in sein Bett, unfähig noch irgendeines Gedankens. Seine Mission, die er sich gesetzt hatte, war mit diesem letzten Stein heute erfüllt.
Matt wachte er nach Stunden auf, der Kopf schmerzte. Er torkelte zum Bad und besah sich seine Wunde im Spiegel. Eigentlich müsste er zum Arzt, doch dann war schnell nachzuvollziehen, wer der „Schafterrorist“ war. Er lächelte sich im Spiegel zu. Er hatte es allen gezeigt, er, der beim Steinmetz abgelehnt wurde, sein Bildhauerstudium nicht machen konnte… Ja, und irgendwie hatte er es indirekt auch dem seit Monaten auf irgendeine Insel abgehauenen Geschäftsinhaber der abgelegenen Genmaisplantage, gezeigt. Auch wenn der ja nun auf seiner Insel gar nichts mehr davon mitbekam. Dort, auf dem Großgrundstück dieses Geschäftsführers fand L die hinter der pompösen Villa abgelegten Steinquader, die für den Bau einer dicken Steinmauer geordert waren. Weil der Typ schnell die Fliege machen musste, um seinen Kopf zu retten, lagen sie nun so herum. L, dem es immer noch einen tiefen Stich ins Herz gab, keine Bildhauerkarriere gemacht zu haben, aufgrund Umständen und Personen, die es immer wieder vereitelten, hatte beim Entdecken dieser Steine plötzlich seine Schnapsidee bekommen. Er wollte es allen zeigen, dass er nicht nur Talent hatte, sondern dass er auch Durchblick hatte, was sich da in Wirtschaft und in Sachen Pseudo-Mitmenschlichkeit so alles abspielte.

So suchte er, wann immer er Zeit fand, dieses verlassene Grundstück auf und machte sich dort ans Hämmern und Meißeln. Kein Mensch störte ihn dort. Was er darstellen wollte, war ihm von vornherein klar. Er sah sich als Opfer von gesellschaftlichen Intrigen und Klassenkämpfen, demzufolge konnte es gar kein anderes Symbol als das Schaf sein.
Sein Hebe- und Roll-Konstrukt war noch auf dem Anhänger! Siedend schoss ihm der Gedanke in den Kopf. Vielleicht brauchte der Chef das Fahrzeug ja nicht heute und er konnte sich am Abend nochmal hinschleichen und es holen.
Seine Kopfschmerzen hämmerten wild und so nahm er gleich zwei starke Tabletten. Er warf sich wieder aufs Bett, um wenigstens noch ein wenig Ruhe zu haben.

Dann ging alles rasend schnell. Die Polizei fand das neue Schaf, Blut- und Autospuren. Der Sägewerkbesitzer wunderte sich über den noch warmen Motor, als er das Fahrzeug startete. Im Rückspiegel entdeckte er etwas auf dem Anhänger liegen, die Blutspuren, der Anruf von L, die Schlagzeilen der letzten Zeit wegen dieser Steinschafe… Es erwachte in ihm der Verdacht, dass sein Fahrzeug für diese Zwecke missbraucht worden sein könnte. Da standen schon die Ermittler auf seinem Hof, befragten ihn, bedankten sich und waren wieder genauso schnell weg, wie sie aufgetaucht waren. L hörte matt ein Klingeln, noch in düsteren Träumen eingewoben, dauerte es eine Weile, bis er begriff, dass es an seiner Türe war. Er war kaum fähig, aufzustehen, da sprang auch schon die Türe wie von Geisterhand auf, zwei Männer mit vorgehaltener Waffe stürmten ein , zwei Eisen klammerten sich um seine Handgelenke: „Im Namen des Gesetzes… bla bla… § 303, Sachbeschädigung… bla bla… müssen wir Sie verhaften“.

L nahm dies alles wie einen Traum um sich herum wahr. Es gehörte nicht zu ihm. Das war nicht mehr sein Ding. Er hatte dazugelernt, die Welt konnte nun machen was sie wollte, er hatte für sich seine Aufgabe erfüllt, was nun geschah, war außerhalb von ihm. …und L, das Schaf lächelte, als man es zur Schlachtbank führte.

Für den Inhalt und die Gestaltung der Geschichten sind die benannten Autoren verantwortlich. Alle Rechte liegen bei den Autoren.

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Dieser Artikel wurde am 07.November 2013 von mandy geschrieben.

von: Mandy Steffan

Mandy Steffan, Community Management