Kaufrausch – von Sandra Schlosser

11.11.2013

Ina saß auf der Terrasse des Eiscafés Domenico und ließ sich ihren Pralinen-Schokobecher schmecken. Während sie genussvoll den Löffel ableckte, beobachtete sie die Passanten in der Fußgängerzone. Ina liebte Schaufensterbummel, doch leider standen in letzter Zeit immer mehr Ladenlokale in der Kleinstadt, in der sie seit ihrer Geburt vor 45 Jahren lebte, leer.
money-171539_640 Deshalb war sie dazu übergegangen, sich Outfits am lebenden Objekt anzuschauen. Was trugen Mann und Frau aktuell?
Als sie gerade eine Praline in den Mund schob, näherte sich eine junge, schlicht gekleidete Frau dem Eiscafé und setzte sich an den Nebentisch. Ina beobachtete sie zunächst unauffällig. Ihr Blick blieb aber schließlich an den Schuhen der Frau hängen. Sie trug dunkelblaue Kickers! Genau die Schuhe, die vor 30 Jahren schon einmal modern waren.

Die sie damals schon unbedingt haben wollte.
Die ihre Eltern ihr aber nie gekauft hatten.
Die viel zu teuer waren für das Arbeitergehalt ihres Vaters.
Spontan fasste Ina einen Entschluss. Sie bezahlte ihren Eisbecher und ging eiligen Schrittes Richtung Schuhhaus Landmann.
Erfreulicherweise führte Landmann sogar das anvisierte Modell und Ina testete den Sitz des Schuhs in ihrer Größe. Er passte perfekt. Unauffällig warf sie einen Blick auf das Preisschild. 135 Euro! Die gibt’s doch im Internet bestimmt günstiger, war Inas erster Gedanke! Sie dankte der Verkäuferin für die Bemühungen und gab vor, noch unentschlossen zu sein.
Zuhause setzte Ina sich gleich an den Computer. Schnell hatte sie diverse Seiten gefunden, auf denen Kickers-Schuhe angeboten wurden. Und wie erwartet natürlich günstiger als im Geschäft. Ina bestellt ein Paar für 125 Euro mit kostenlosem Versand! Sie freute sich wie ein kleines Kind.
Schon zwei Tage später stand der Bote mit dem Paket vor Inas Haustür. Sofort öffnete sie den Karton und zog die Schuhe an.
Endlich! Mit 45 Jahren besaß Ina ihre ersten Kickers! Nicht, dass es ihr an Schuhen mangeln würde. Ganz im Gegenteil. Einen ganzen Schrank nahmen ihre Schuhe in Beschlag. 50 Paar waren es mindestens. Wenn Ina Schuhe sah, die ihr gefielen, kam sie nicht eher zur Ruhe, bis sie sie gekauft hatte.
Als Ina am nächsten Tag ihre E-Mails abrufen wollte, erschien wie immer personalisierte Werbung im Browserfenster. Heute wurden Ina, wie sollte es anders sein, Kickers-Schuhe angeboten. Automatisch folgte sie dem Link. Es öffnete sich eine Seite, auf der Inas Schuhe für sage und schreibe 112 Euro angeboten! Sie konnte es kaum fassen. Da hatte sie doch tatsächlich immer noch zu viel bezahlt. Ina überlegte nicht lange. Sie bestellte sofort ein weiteres Paar Kickers, packte die Lieferung vom Vortag wieder in den Karton, füllte den Retourenzettel aus und brachte das Paket zur Post. Kostet ja nichts!
Drei Tage später trug Ina ihre neuen Schuhe zum ersten Mal im Büro. Als sie in der Mittagspause mit ihren Kollegen Lisa, Vera und Marc zusammen saß, präsentierte sie stolz ihre neue Errungenschaft.
„Guckt mal! Kennt ihr die noch von früher? Ich habe sie vor ein paar Tagen an einer Frau in der Stadt gesehen und musste sie unbedingt haben!“ Ina hatte ihren Stuhl zurückgeschoben, hielt beide Beine nach vorne gestreckt und wackelte mit den Füßen auf und ab. Die drei Kollegen schauten auf Inas Schuhe.
„Wo hast du die denn her? Von Landmann?“, fragte Vera.
„Nein, da habe ich sie nur anprobiert“, antwortete Ina. Dann schilderte sie die ganze Geschichte der Schuhbestellung und fand nichts Ungewöhnliches daran. Ganz im Gegensatz zu Marc.
„Das verstehe ich nicht. So ein Aufwand, nur um ein paar Euro zu sparen. Wenn mir etwas total gut gefällt, dann gebe ich auch gerne ein bisschen mehr dafür aus. Das kommt ja schließlich nicht dauernd vor.“
„Bei mir kommt das schon häufiger vor. Deshalb kaufe ich lieber günstige Sachen. Dann kann ich mir öfter was Neues kaufen“, entgegnete Ina. „In drei Monaten gefallen mir vielleicht andere Schuhe.“
„Also das kann ich echt nicht nachvollziehen. Wenn ich mal ein paar tolle Schuhe gefunden habe, dann trage ich die auch bis sie auseinander fallen. Da kaufe ich nach drei Monaten doch nicht schon wieder neue.“ Marc schüttelte verständnislos den Kopf.
Vera und Lisa hielten sich aus dem Gespräch heraus. Sie kannten Inas Kaufrausch schon zur Genüge und wunderten sich oft, wo Ina das ganze Geld hernahm. „Du bist eben keine Frau!“, antwortete Ina kurz und knapp auf Marcs Einwand.
„Deiner Einstellung nach müsstest du ja mehr Schuhe zu Hause haben, als du in deinem Leben noch auftragen kannst.“
„Man muss auch gönnen können!“, beendete Ina die Diskussion.
Als Ina am frühen Abend nach Hause fuhr, fiel ihr ein seltsames Geräusch auf. Sie schaltete das Autoradio aus. „Wow, was für ein Sound! Ist das etwa mein Auto? Aber so laut ist das doch sonst nicht!“, dachte Ina. Sie schaute in den Rückspiegel. Niemand da. Vor ihr auch nicht. Dann musste es wohl ihr Auto sein.
Vorsichtshalber fuhr sie gleich bei der Werkstatt ihres Bekannten Alex vorbei. Die Diagnose war schnell gestellt: Auspuff kaputt!
„Das kostet dich ungefähr 250 Euro“, kündigte Alex an.
Au Backe! Ina hatte schon länger keinen Blick mehr auf ihren Kontostand gewagt, aber sie ahnte nichts Gutes. Der Auszug, den sie eine halbe Stunde später in der Hand hielt, sprach die bittere Wahrheit. Der Dispokredit war so gut wie ausgeschöpft.
Wo war bloß das ganze Geld hin? Ina starrte auf den Kontoauszug. Dabei fiel ein Blick auf ihre neuen Schuhe.



Für den Inhalt und die Gestaltung der Geschichten sind die benannten Autoren verantwortlich. Alle Rechte liegen bei den Autoren.

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Dieser Artikel wurde am 11.November 2013 von mandy geschrieben.

von: Mandy Steffan

Mandy Steffan, Community Management