Stromausfall – von Katja Donath

11.11.2013
Die Stunden ziehen sich durch eine träge schwarze Masse. Die ganze Stadt hüllt sich in Dunkelheit. Nur der Mond lässt die Silhouetten der Dächer erahnen. Sie wendet sich endlich vom Fenster ab. Einen Moment lang fürchtete ich, es würde ihr nicht gelingen. Dass ihre Füße bereits Wurzeln geschlagen haben und mit dem Parkettboden verwachsen wären.
„Willst du was essen?“ Ich versuche zu lächeln. „Ich hab’ Brote gemacht. Und Salat.“
Essen spielte keine große Rolle mehr für uns. Gemeinsam bei Tisch über die Erfolge des Tages berichten oder scheinbare Sorgen diskutieren, das lag alles lang zurück. Trotzdem gab ich sie nicht auf. Fast jeden Abend versuchte ich sie auf ein gemeinsames Abendessen in die Küche zu locken. Meist ohne Erfolg. Letztendlich setzte ich mich immer mit zwei Tellern zu ihr an den Computer und tat so, als schaute ich ihr bei der Arbeit zu.
woman-163425_640 „Warum nicht.“ Sie reibt sich den Nasenrücken mit Daumen und Zeigefinger. Ein Zeichen dafür, dass sie nur noch mit viel Anstrengung die Fassade der Gelassenheit wahren konnte. „Brote und Salat? Klingt gut.“ Sie lächelt. Ein müdes Lächeln, aber ehrlich. Ich finde sie noch immer hübsch. Nicht annähernd so perfekt wie ihr zweites Ich, ihr Arbeits-Ich, wie ich es nenne. Aber sie ist sie echt.
Blass ist sie geworden. Wann hat sie das letzte Mal das Haus verlassen? Die graue Haut betont die Fältchen um ihre Augen und die blauen Ringe darunter. Ja genau das ist es, was sie in meinen Augen schön wirken lässt: Sie ist nicht vollkommen.
„Was machen die Prüfungen, mein Großer?“ fragt sie während des Essens. Aber ihre Gedanken hängen an ganz anderen Themen. Nicht an dem Leben hier draußen.
„Was macht die Arbeit, Elli?“ frage ich zurück. „Hast du das Tanzen da drinnen endlich mal ganz aufgegeben?“
Schon seit Jahren nenne ich sie nicht mehr Mutter. Nicht dass sie eine schlechte Mutter wäre und es nicht verdienen würde entsprechend angesprochen zu werden. Aber da ihr Arbeits-Ich auch gut zwanzig Jahre jünger ist, fand ich es irgendwie passender, sie bei ihrem Namen zu nennen. Und ich glaube sie ist zufrieden damit. Wahrscheinlich fühlt sie sich hier in der Realität auch jünger.
„Nein. Das ist leicht verdientes Geld.“ Ihre Augen strahlen während sie spricht. Das richtige Gesprächsthema also. „Ich steige morgens ins Spiel ein und lasse meine Figur in der Bar tanzen. Geht automatisch. Ich habe so ein Programm mit neuen Tanzbewegungen. Und hier im Haus habe ich Zeit zum Aufräumen, Staubsaugen und –“
e-mail-65927_640 „Du nennst es immer noch ein Spiel?“ unterbreche ich sie. Dieses Spiel ist schon lange zu ihrer zweiten Existenz geworden. Weiß sie eigentlich noch, dass das hier die Wirklichkeit ist?
„Aber natürlich!“ sie streicht sich eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht. Sie sollte Haare waschen. „Ist nur ein Spiel. Ein Spiel bei dem man auch gut Geld verdienen kann. Nächstes Jahr habe ich das Haus abgezahlt.“
Zur Abwechslung spricht sie über das Haus in dem wir leben, das reale Haus. Manchmal ist es für mich schon schwierig, die Welt vor dem Computer von der Welt im Computer auseinander zu halten. Wie schafft sie das nur, da sie doch praktisch in beiden Welten lebt?
„Auch ohne das Gehalt deines Vaters habe ich die Kreditraten innerhalb von zehn Jahren komplett zurückgezahlt.“
Das war wahr. Geldsorgen hatten wir längst nicht mehr. Aber vielleicht hätte Vater nicht inzwischen eine neue Familie, wenn sie… Es gäbe keinen besseren Moment als jetzt mit ihr zu reden. Über die Arbeit, die längst mehr war, als reine Erwerbstätigkeit. Heute Abend kann sie sich schlecht zurück in die Computerwelt flüchten und ich hätte seit langem die Gelegenheit, mich mit ihr in Ruhe zu unterhalten und —
„Hast du irgendeine Ahnung was es mit diesem verdammten Stromausfall auf sich hat?“ unterbricht sie meine Gedanken. Wieder streicht sie sich über den Nasenrücken. „Die Bars sind um diese Zeit gut besucht. Mir sind heute sicher einige gute Kunden verloren gegangen.“
Nun spricht sie von den Bars in der anderen Welt. Der Welt im Computer und den Kunden, die sich hinter ihren Computern verstecken, um endlich so zu leben, wie sie es sich immer erträumten, und um das zu tun, was für sie im wahren Leben undenkbar wäre.
Es ist doch nur ein Spiel. Eines von vielen Online-Spielen. Ein Spiel, das die Welt wie eine unsichtbare Dimension umspannte. Fast täglich flüchten sich neue Spieler in diese andere Welt. Gelangweilt von der Realität und sich selbst. Gescheitert im wahren Berufsleben, versuchen sie ihr Glück in einem künstlich erschaffenen Abbild der Welt. Nur Nullen und Einsen. Ich frage mich, ob ich in das richtige Zeitalter geboren wurde. Der Strom soll wegbleiben. Kein Strom – keine künstlichen Welten.
„Keine Ahnung was da los ist. Woher auch?“ antworte ich etwas zu abweisend.
„Ich hätte heute eine Verabredung zum Essen gehabt, mit einem alten Spieler. Also ich meine, er war einer der Ersten im Spiel. Ist richtig reich geworden. Er programmiert und verkauft Immobilien. Das wäre die Chance gewesen für mich vielleicht den Job zu wechseln.“ Sie kaut gedankenverloren auf einem Salatblatt herum.
„Die haben Restaurants im Spiel?“ frage ich entgeistert. „Wozu? Eure Spielfiguren müssen doch nicht essen! Wer gibt denn Geld für so was das drin aus? Das ist doch nicht normal.“ Da ist er wieder, dieser düstere Gedanke, der sich in mein Bewusstsein drängt und mich an mir selbst zweifeln lässt. Wie eine böse Ahnung schlummert er unter einer Oberfläche, die ich meinen gesunden Menschenverstand nenne, nur um immer wieder hervor zu kriechen und meine Vorstellung von der Welt infrage zu stellen. Der letzte Vorposten meiner Prinzipien zersplittert in tausend Scherben. Am Ende dieses verbotenen Gedankens bleibt die Frage, warum ich es so verzweifelt ablehne, wenn es doch der Norm entspricht…
„Da gibt’s eben alles.“ Sie schiebt ihren leeren Teller zur Seite, um das Essen mit einem großen Schluck aus meinem Bierglas abzuschließen. „Und das ist auch so nicht ganz richtig. Wenn die Spielfigur essen geht, bekommt man Energiepunkte und muss weniger Ruhepausen einlegen.“
Wieso nur interessiert es mich nicht, was sie mir erzählt? Ich versuche nicht einmal mehr dem Sinn ihrer Worte zu folgen. Wann hat das alles angefangen?
„Warum versuchst du es nicht mal wieder mit normaler Arbeit. Ich meine, nicht in dieser Scheinwelt. Hier in der Realität.“ Ich ertappe mich, wie ich das Etikett der Bierflasche in kleine Fetzen zerpflücke. Es ist so lange her. „Vater meinte immer, du wärst eine gute Tanzlehrerin gewesen und es –“
„Das war ich. Aber was glaubst du was ich für Chancen gegen die jungen Dinger habe, die frisch von der Uni kommen? Ich bin 45 Jahre alt.“ Wieder der Griff zum Nasenrücken.
Sie ist wirklich älter geworden, aber immer noch schön. Ich vergleiche die Frau, die mir gegenüber sitzt, die reale Frau, mit dem jungen, perfekten Abbild ihrer selbst im Computer, dem Arbeits-Ich. Dieses Arbeits-Ich altert nie und ist immer passend gestylt. Ein Spiegelbild meiner Mutter, wie ich sie von alten Fotos kenne. Und dennoch, die Echte ist schöner!
„Ich vermisse dich.“ sage ich leise.
„Oh mein Großer. Es ist nur ein Job.“ Sie drückt sanft meine Hand und hält mich so davon ab, das Etikett weiter in kleine Puzzlestücke zu zerlegen. „Ich verdiene unser Geld damit. Ganz bequem von zu Hause aus. Im Grunde ist es eine Arbeit wie jede andere. Warum machst du dir so viele Gedanken?“
Warum eigentlich? Warum wehre ich mich gegen von Menschen geschaffene künstliche Menschen in künstlichen Welten, die menschlich erscheinen? Pulsierendes Wirrwarr in meinem Kopf. Weltabgewandt. Wer? Ich oder die Anderen? Dies alles gehört in Bücher, in Sciencefiction-Romane, in Fantasy-Filme. Aber nicht hier her. Nicht in das eigene Wohnzimmer!
„Vielleicht weil ich befürchte, dass du dich irgendwann da drin verlierst…“ sage ich noch leiser. Muss erst ein Stromausfall dafür sorgen, dass ich mit meiner Mutter Zeit verbringen kann?
„Was?“ Sie lacht kurz auf und schüttelt den Kopf. Eine Weile schaut sie mich nur an, die Arme vor der Brust verschränkt. Ein leises Brummen durchbricht die Stille. Für einen Moment sind meine Augen geblendet, von dem stechend hellen Licht der Deckenbeleuchtung.
„Strom ist wieder da.“ Fast hätte sie ihren Stuhl umgeworfen, als sie aufsprang. „Danke für das Abendessen mein Großer!“ sagt sie und drückt mir einen Kuss auf die Stirn. Im nächsten Moment war sie im Arbeitszimmer verschwunden.


Für den Inhalt und die Gestaltung der Geschichten sind die benannten Autoren verantwortlich. Alle Rechte liegen bei den Autoren.

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Dieser Artikel wurde am 11.November 2013 von mandy geschrieben.

von: Mandy Steffan

Mandy Steffan, Community Management