Der Dachboden. – von Anne Krause

12.11.2013

Eine junge Frau, Anfang 20, vor kurzem von ihren Eltern ausgezogen, hat ihre erste eigene Wohnung in einer fremden und neuen Stadt. Sie kennt sich noch nicht aus und hat auch keine Freunde. Es ist ihre erste Woche in ihrer neuen Wohnung. attic-116915_640Ihre Eltern sind nicht reich, aber haben schon ein bisschen Geld, weswegen sie ihre einzige Tochter auch gut ausgestattet haben, was die Wohnungseinrichtung angeht. Es fehlt ihr an nichts. Die junge Frau ist den ganzen Tag außer Haus und schwer beschäftigt mit ihrer Arbeit als Grafikdesignerin. In der zweiten Woche probiert sie endlich ihre Waschmaschine aus, das erste Mal allein Wäsche waschen. Ihr Vermieter sagte ihr, dass sie die Wäsche auf dem Dachboden aufhängen könne, da gäbe es einen extra Bereich dafür.

Da sie tagsüber keine Zeit hat, macht sie es Abends und muss sich dann auf den dunklen Dachboden wagen. Es ist schon nach 10. Sie war noch nie allein auf dem Dachboden und hat ihn sich auch noch nie wirklich angesehen. Ein bisschen ängstlich ist sie schon, aber was soll schon großartig passieren, denkt sie sich. Vollbepackt mit dem Wäschekorb und den Wäscheklammern geht sie also die Treppe hinauf und schließt die Tür zum Dachboden auf. Zuerst ist es dunkle, aber die findet sogleich den Lichtschalter auf der rechten Seite. Sie erblickt eine Dachschräge und Balken, viele Möbel, alte Schränke, staubbedeckte Kisten. Ein kalter Windzug fährt ihr entgegen, draußen wird es langsam ungemütlich, es wird Herbst. Sie schaut sich kurz um und findet dann auf der rechten Seite um die Ecke herum den “Wäscheplatz”, der abgetrennt ist vom Abstellplatz. Viel Licht gibt es nicht, aber die junge Frau traut sich hinein und hängt einfach schnell im Schein des wenigen Lichtes ihre Wäsche auf. Schnell nicht nur weil sie Angst hat, sondern auch, weil es kalt ist. Trotzdem siegt die Neugier und sie schaut sich ein wenig um. Abenteuerlustig war sie ja schon immer. Auf der linken Seite des Dachbodens finden sich noch mehr Möbel und viel alter Kram. Sie schaut sich alte Bilderrahmen an, Kisten mit Kinderspielzeug, kaputte Hamsterkäfige, Teppiche, Schränke und einen Schaukelstuhl. Alles übersät mit einer dicken Staubschicht.

Draußen wird der Wind immer stärker. Hier oben auf dem Dachboden hört man ihn laut gegen das Dach schieben, man fühlt ihn regelrecht. Ein bisschen aufregend und mysteriös ist die Stimmung schon. Die junge Frau kramt ein wenig in den Kisten, wer sollte schon um 10 Uhr Abends hier hochkommen und aufpassen, dass niemand an die Sachen geht? Sie ist zu neugierig um einfach wieder hinunter in ihre Wohnung zu gehen. In eine der offenen Kisten findet sie ein Fotoalbum. Warum sollte jemand ein Fotoalbum auf den Dachboden packen, wo es staubig und feucht ist? Die armen Erinnerungen, die kläglich zerbröseln. Sie schaut sich die Bilder an und ganz vertieft in die alten, um die Jahrhundertwende gemachten Fotos. Sie scheint die Zeit zu vergessen, draußen stürmt es immer mehr und immer kräftiger. Die Geräusche, die der Wind verursacht werden mehr, doch die junge Frau ist ganz vertieft, in eine andere Zeit, in einer anderen Welt. Plötzlich wirft ein kräftiger Windstoß die Dachboden Tür mit voller Kraft zu die vorher halb offen stand. Das lässt die junge Frau aus ihren Tagträumen aufschrecken. Ihr wird klar, dass sie eine ganze Zeit hier oben verbracht haben muss, die Bilder in dem Fotoalbum waren so faszinierend. Nun schüttelt sie die Neugierde ab und sagt sich, es wäre besser nun wieder in die Wohnung zu gehen, sie müsste morgen schließlich früh aufstehen und zur Arbeit fahren. Ein gutes Buch würde sie wieder beruhigen und in den Schlaf wiegen. Als sie jedoch die Tür öffnen will, merkt sie, dass sie Tür verschlossen ist. Oder klemmt. Sie rüttelt daran, versucht es kräftiger, sie zieht und zerrt. Wie kann das sein? Sie nimmt ihren Schlüssel und probiert, doch keiner ihrer Schlüssel passt in das Schlüsselloch. Nun bekommt sie Angst. Ist das ein schlechter Scherz? Will sie hier jemand auf die Schippe nehmen? Sie versucht sich zu beruhigen und nach einer Lösung zu suchen. Kann es sein, dass jemand hier oben war, sie hinten in der Ecke nicht gesehen hat und dann die Tür verschlossen hatte? Aber wieso würde er das Licht brennen lassen? Und wieso passt keiner ihrer Schlüssel? Sie schaut sich um, vielleicht ist der richtige Schlüssel abgefallen, als sie die Wäsche auf hing. Kann ja möglich sein. Dumme Zufälle gibt es immer. Und siehe da, sie findet tatsächlich auf dem Boden einen Schlüssel. Jedoch liegt er prominent, mitten im Weg und sie könnte schwören, dass er vorher dort nicht lag. Außerdem sieht er ganz anders aus, als die Schlüssel die sie bekam. Viel… älter und staubiger. Vielleicht ist es auch einer der Schlüssel von dem alten Schrank der hinten in der Ecke steht. Aber ein Versuch ist es Wert, was soll sie sonst unternehmen? Sie hebt also den Schlüssel auf und steckt ihn in das Schlüsselloch. Er passt! Sie dreht ihn um und es klackt. Sie kommt tatsächlich wieder aus dem Dachboden raus. Aufregung umsonst, alles ist gut. Wahrscheinlich hat sie sich das alles nur eingebildet, oder ein Nachbar hat sich tatsächlich nicht gesehen. Der Hausflur ist nicht dunkel, wie sonst, er ist durch einen leichten Kerzenschein erleuchtet. Komisch, ist das nicht gefährlich auf einer Holztreppe Kerzen anzuzünden? Komisch ist auch, dass die Treppe plötzlich mit Teppich belegt ist, wie in einem großen Herrenhaus. Was soll das denn? Will sie da doch jemand verarschen und hat sie deshalb eingesperrt damit er schnell die Kerzen und den Teppich drapieren kann? Haha, sehr witzig. Was soll das bringen? Wollen die Nachbarn sie rausekeln? Die junge Frau macht sich Gedanken, doch weiß nicht genau, wie sie damit umgehen soll. Draußen ist es stockduster, sie kann nichts erkennen, nur Schwärze, als sie die Treppe hinunter geht und in ihre Wohnung gehen will. Die Türen sehen plötzlich anders aus, viel älter. Wie konnte jemand so schnell die Türen verkleiden? Das muss doch geplant gewesen sein. Sie schaut nach unten durch das Geländer der Treppe und sieht, dass der Teppich sich bis unten zieht, also nicht nur bis zu ihrer Wohnung. Vielleicht hat das doch nichts mit ihr zu tun. Vielleicht wird hier ein Film gedreht? Das muss es sein, ein Filmdreh von dem sie nichts wusste, und einer der Crew Mitglieder schloss den Dachboden, weil das Licht störte. Die Menschen mussten unten irgendwo rumstehen, oder in einer Wohnung ihren Aufenthalt und ihr Catering haben. Die junge Frau beschloss nach unten zu gehen und die Filmmenschen zu suchen. Sie ging also die zwei Stockwerke nach unten, doch es war so still, so leise, dass sie nicht ausmachen konnte, wo sich überhaupt Menschen befinden sollten. Sie klopfte an Türen, fragte nach, lauschte. Klingeln konnte sie nicht, denn irgendwie waren Klingeln und Lichtschalter spurlos verschwunden, so auch die Lampen. Überall nur Kerzen und der schwere rote Samtteppich. Langsam bekommt sie es mit der Angst zu tun. Sie will schon zurück in ihre Wohnung laufen um jemanden anzurufen als sie aus dem Keller Geräusche wahrnimmt. Aha! Da müssen sie alle sein. Kein Wunder, dass ich hier niemanden gefunden habe, denkt sie sich. Also geht sie in den Keller um der Sache auf den Grund zu gehen. Der Teppich führt auch da hin. Unten im Keller findet sie jedoch keine Menschen, zumindest noch nicht. Oder nicht mehr? Im Keller war sie vorher auch noch nie, deswegen findet sie sich nicht zurecht. Immerhin ist es nicht dunkel, die Kerzen zeigen ihre den Weg. Es gibt überall Gänge und Wege, sie hat nach 2 Minuten schon das Gefühl, dass sie sich verlaufen hat. Aber irgendwo müssen hier die ganzen Leute ja sein.

old-83751_640

Irgendwann kommt sie zu einer Tür, die nicht verschlossen scheint, sie wie den Rest, den sie durchprobierte. Ohne wirklich zu zögern – was bleibt ihr schließlich anderes übrig – öffnet sie die Tür um zu sehen was sich dahinter verbirgt. Es warmes Gefühl umgibt sie, Wärme von Kaminfeuer und Kerzen. Doch gleichzeitig durchfließt sie ein Schauer des Schreckens. Das Zimmer ist eingerichtet wie ein Wohnzimmer, Teppich, Bilder an den Wänden, kleine Tischchen und eine riesige Couchgarnitur in der Mitte der gegenüberliegenden Wand. Darauf sitzen Menschen. Und zwar nicht irgendwelche Menschen, sondern genau die, die die junge Frau auf den Bildern im Fotoalbum auf dem Dachboden gesehen hat. Sie erkennt sie Menschen an ihren Kleidern, die exakt die selben sind. Sie erkennt die Sitzreihenfolge. Doch die Gesichter der Menschen sind genauso farblos, genauso zerlaufen, wie die der Fotos. Die junge Frau beginnt zu zittern. Das kann doch nur ein schlechter Scherz sein. Sie geht näher heran um zu schauen, ob das Puppen sind, sie dreht sich um um nach der Kamera zu suchen, die ja gerade erst das Foto gemacht haben muss. Sie untersucht die Menschen und stellt fest, dass sie tot sind. Dass sie auf dem Foto noch lebten, doch in genau dieser Position starben und seither so verbrachten. Doch wie kann das sein? Wie starben sie? Wieso sind sie noch hier? Plötzlich hört sie ein Geräusch. Ein Klicken. Sie dreht sich um und in der hinteren dunklen Ecke, die vom Lichtschein nur spärlich beleuchtet wird, steht eine alte Kamera auf einem Holzgestell, dahinter steht eine Person, doch ihr Gesicht ist verdeckt vom schwarzen Tuch der Kamera. Er justiert den Blitz. Richtet die Kamera langsam auf sie. Die junge Frau fragt ihn wer er ist und was hier vorgeht, doch er antwortet nicht. Er drückt den Knopf und fotografiert sie.

Und just in dem Augenblick als er sie fotografiert, fühlt sie nichts mehr. Bleibt sie starr stehen. Verliert sie ihre Farbe, wird blass, ihre Kleidung ergraut, ihre Haut trocknet aus und fällt ein. Doch von alledem bekommt sie nichts mit, denn ihre Seele hat ihren Körper verlassen. Ihre Seele wurde von der Kamera des mysteriösen Fotografen eingefangen. Oben auf dem Dachboden, im Fotoalbum der alten Kiste jedoch, da erscheint ein neues Bild. Das Bild einer jungen Frau, in einem alten warmen Zimmer, mit einem etwas erschrockenen Blick, jedoch farblos, wie der Rest der Bilder.



Für den Inhalt und die Gestaltung der Geschichten sind die benannten Autoren verantwortlich. Alle Rechte liegen bei den Autoren.

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (No Ratings Yet)
Loading...

Dieser Artikel wurde am 12.November 2013 von mandy geschrieben.

von: Mandy Steffan

Mandy Steffan, Community Management