25 Cent! – von S. Fischer

18.11.2013

Zehn Minuten frei sein. Luft riechen und Himmel einatmen. Einfach rauskommen und abtauchen in eine andere Welt. Ganz ohne die Gefahr, auf die Straße gehen zu müssen. Von einem Auto überfahren werden oder sonst irgendeinem Verrückten begegnen. Jeden Abend während der Hausarbeit als eine kleine Ablenkung von der Pflicht spüren, dass es das noch gibt, echtes Leben.

Frau Lindenthal blickt aus dem viereckigen Loch in ihrer Wand. Sie sieht das eine oder andere. plastic-bottles-115071_640

Ein Auto, einen Radfahrer und eine gepflegte Grünfläche gegenüber von ihrem Haus. Die Straße ist grau und nicht sehr belebt. Auf dem Bürgersteig bleibt ein Mann stehen. Er ist mittleren Alters, hat schütteres Haar, geht krumm und sieht teilweise unscheinbar aus. Er bückt sich. Sein blau kariertes Hemd rutscht ein Stück weit nach oben und seine schwarze, ausgeblichene Hose ein Stück weit nach unten.

Frau Lindenthal blickt mit Verachtung auf den Mann, als sie sieht, was er da tut. Der Mann hebt eine Flasche von dem Boden auf. Auf ihr befinden sich 25 Cent Pfand. „Einer dieser Pfandsammler, die den Müll durchwühlen. Was macht der eigentlich in meiner Nachbarschaft?“, denkt Frau Lindenthal, wendet sich mit angeekeltem Gesichtsausdruck ab und widmet sich wieder dem Zitrusduft ihres Bodens zu.

Ich habe die Menschen nie verstanden, die sich wegen lächerlicher 25 Cent oder teilweise sogar nur 8 Cent, die Glasflaschen bringen ja viel weniger und sind auch noch so schwer, so dreckig machen und erniedrigen. Sie wühlen mit ihren Händen in dem Dreck der anderen, in den Mülleimern und Abfällen herum und machen sich schmutzig, für nicht einmal 25 Cent. Das habe ich gedacht. Doch dann, eines Tages, sah ich sie da stehen, auf dem Bürgersteig vor meiner Wohnung. Zwei Plastikpfandflaschen und da habe ich das dann mal zusammengerechnet, 50 Cent waren das, die standen da einfach so rum und keiner hat sich dafür interessiert. Da lag das Geld einfach auf der Straße und die Leute gingen nur daran vorbei. Soviel habe ich ja nun auch nicht. Das Harz IV kommt doch vorne und hinten nicht hin. Was ich alles hatte, in der Zeit davor: ein Auto, ein Haus, das ist nun alles weg. Dann habe ich sie aufgehoben, die beiden Flaschen, und in meinem Beutel getan, den hatte ich für meinen Einkauf sowieso dabei. So fing das alles an. Aber wie die anderen Pfandsammler, die für 8 Cent den Müll durchwühlen, den Dreck der anderen, wollt ich auch nicht werden. So nicht. Kein Glas. Das müsste man organisierter angehen. Ja, geplant.

Robert steht am offenen Loch. Noch den Geruch nach Schweiß an seinem Körper haftend. Aus seiner Hand riecht es nach frischem Rauch. Den Rausch ausleben, warten, bis die Dusche frei wird. Der dicke Mann mit dem Bart lehnt an der Wand. Er ist zufrieden und satt. Während sein Blick aus dem Fenster schweift, fühlt er keinen Sinn.

Auf der Straße vorm Bahnhof irren jede Menge Menschen umher. Ein Schrei tönt durch die Luft. Es riecht nach Alkohol und Party. Die Nacht ist dunkel. Vor dem Mülleimer sieht Robert einen Mann. Er sieht schwächlich aus und zerfallen. Seine Kleidung ist leicht zerschlissen, aber dennoch könnte er ein gewöhnlicher Passant sein. Der Rücken des Mannes ist krumm und es klirrt aus seiner Tasche. Mit den bloßen Händen greift der Mann in den Mülleimer und sucht nach Flaschen. Dabei hält er plötzlich inne und sieht in die entgegengesetzte Richtung. Ein wutverzerrtes Gesicht der Bahnhof-Security kommt auf ihn zugeschritten. „Richtig so! Sonst vermehren die sich hier auch noch! Das ist doch alles zum Kotzen“, ruft der dicke Robert nach hinten in die Wohnung, zerdrückt seinen Zigarettenstummel mit Zeigefinger und Daumen und wendet sich wieder ab.

Der Mann von der Security hatte erst laut „Hey!“ geschrien und dann etwas gerufen, das ich nicht verstanden habe. Doch da dachte ich noch nicht, dass der Schrei mir gelten sollte. Nun kam der Mann aber mit wütendem Gesicht auf mich zu: „Das ist verboten! Wissen Sie das nicht? Sie entwenden gerade Eigentum der Deutschen Bahn.“ Ich starrte den Mann verdutzt an. Das Ganze war mir total peinlich. Verboten war das also! Später habe ich dann herausgefunden, dass die Putzfrauen am Bahnhof den Pfand für sich selber einstecken, deshalb melden sie andere Pfandsammler der Security, denn der Pfand gehört laut Hausordnung der Deutschen Bahn. Das habe ich extra nachgelesen. Die Hausordnung besagt:„Nicht gestattet ist, das Durchsuchen von Abfallbehältern“.
Am Bahnhof sammle ich trotzdem noch wie alle anderen auch, nur pass’ ich inzwischen besser auf, dass mich niemand erwischt.
Eigentlich ist das doch alles gar nicht so schlecht mit dem Pfandsammeln. Ich arbeite, wann ich will, und bin meistens an der frischen Luft. Ich gehe spazieren und nebenbei sammle ich das Geld ein, was auf der Straße liegt. Fast erinnert mich das an meine Kindheit, als ich draußen Kastanien sammeln war mit meinen Eltern. Schämen tu ich mich nicht mehr dafür. Aber die Pfandflaschen für 8 Cent, die sammle ich immer noch nicht. Das muss System haben das Ganze. Man darf nicht nur einfach im Müll herumwühlen. Ich schreibe mir das jetzt immer auf, wie viel ich da einnehme beim Sammeln. Das sind im Monat bestimmt so an die 60 Euro. Die muss ich nicht versteuern, da wird mir auch nichts aufs Harz IV angerechnet, die kann ich einfach einstecken. Ich würde das ja auch nicht tun, wenn das nichts bringen würde, aber 60 Euro, das ist doch der Beweis. Nur mein Rücken, der tut in letzter Zeit öfter weh. Ich muss wirklich nur die leichten Plastikflaschen sammeln. Die bringen ja auch mehr ein.

Ihr langer, schlanker Hals reckt sich, um aus der Öffnung ins Freie zu blicken. Die Sonne geht gerade rot unter. Im Hintergrund das Panorama der Stadt. Das Fußballstadion zeichnet sich schwarz vor dem glühenden Himmel ab. Der Fluss dümpelt gemächlich seines Weges. Ihr Blick versucht, ihn nicht aufzuhalten. Sehnsuchtsvoll blickt Marita aus dem eckigen Steinkasten, in dem sie wohnt. Nebenbei hält sie ein Telefon in der Hand. Doch sie redet nicht, sondern nickt nur ab und zu, und das Gegenüber auf der anderen Seite der Leitung scheint das zu verstehen, unausgesprochen.

Vor dem Fußballstadion stehen nur noch vereinzelt schwarze Silhouetten. Marita erkennt schwach die Umrisse einer Frau. Sie schleift einen Rollwagen hinter sich her, aus dem es klirrt. Die Rollwagenfrau sieht kaputt und grau aus. Sie redet mit einem erschöpften Mann mit krummen Rücken. Er gibt ihr etwas aus Glas. Es ist eine Flasche. Die Frau sieht zufrieden aus. Marita nickt ins Telefon und versteht gleichzeitig. Die beiden tun ihr leid. Aber sie sehen zur selben Zeit derart zerbrochen aus, dass sie kaum noch hinsehen kann. Ein Splitter setzt sich in ihrem warmen, wohligen Leben fest. Sie kann das Stechen nicht aushalten und wendet sich ab.

Dass im Stadion heute ein Konzert war, hat mir Willi erzählt. Der nimmt mich manchmal mit und gibt mir gute Tipps. Am Anfang, da war ich vorsichtig, weil man will ja auch keinem in die Quere kommen und keinen Ärger bekommen. Aber man muss nur immer freundlich sein und den anderen aus dem Weg gehen, dann klappt das. Wenn ich Willi sehe, dann freue ich mich schon etwas. Wir quatschen dann erst einmal. Herta ist heute auch da gewesen, im Stadion. Sie hat schon von weitem gegrinst, als sie mich gesehen hat. „Mensch Fred, du bist es! Na, dann steigt mein Umsatz auch gleich“, hat sie gesagt. Die mag mich, glaub ich, weil ich ihr immer die Glasflaschen gebe. Die sind ja nichts für mich. Manchmal helf’ ich Herta dann mit und geb’ ihr ein paar ab. Die legt sie dann in ihren Rolli.

In der anderen Welt, da wo ich schlafe und dort wo meine Familie war, da redet kaum mal einer mit mir. Hier gibt es schon so eine Art Zusammenhalt. Doch leider immer nur unter den Pfandsammlern, also, woanders lern’ ich gar keine Leute mehr kennen. Das schmerzt schon, nicht ganz zurück zu können.

An einem Fenster steht ein Mann mit gebeugtem Rücken. Er trägt ein klein kariertes Hemd und eine schwarze Hose. In seiner Hand hält er nichts. Er blickt hinaus auf die Welt. Draußen liegt ein grüner Rasen, auf dem weht frische Wäsche im Wind. Das Haus gegenüber hat rote Backsteine. Nichts ist dort im Fenster zu sehen. Auf der Straße geht niemand. Niemand bewegt sich und niemand redet. Die Augen des Mannes sind leer.



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Dieser Artikel wurde am 18.November 2013 von mandy geschrieben.

von: Mandy Steffan

Mandy Steffan, Community Management