Himmel auf Erden – von Martina Decker

18.11.2013
Das glockenhelle Lachen seines Vorzimmerengels und übermütiges Geplauder ließen den Herrn aufhorchen. „Was ist denn da draußen los?“ murmelte er erzürnt von der missliebigen Störung.„He, was geht ab, Chef?“ Unvermutet wurde die Tür aufgerissen. Erst auf den zweiten Blick erkannte der Herr den Mann als seinen Boten Hermes, den er bereits vor mehr als einer Stunde erwartet hatte. hermes-159625_640„’ermes,“ der Herr liebte die französische Aussprache, „Du bist zu spät und …“, er stockte, „was hat dieser ungebührliche Auftritt zu bedeuten?“ Missbilligend glitt sein Blick über Hermes. Der Bote trug einen silbrig schimmernden Herrenhut, den er keck in den Nacken geschoben hatte. Das pinkfarbene Seidenhemd war kaum geschlossen und lenkte den Blick auf ein ganzes Bündel schwerer, goldener Ketten. Die weit geschnittene Hose wurde von einem breiten Gürtel mit wuchtiger Schnalle gehalten, auf der unzählige Schmucksteine aufgebracht waren. Hermes’ Füße steckten in glänzenden Lackschuhen. Als ob das nicht schon genug gewesen wäre, trug der Bote auch noch ein silberfarbenes Jackett mit einem Revers aus Samt und Leopardenprint.Hermes grinste breit: „He, jo Chef! Keinen Stress, bitte“, meinte er gutgelaunt und kein bisschen demütig, obwohl dies wegen der Verspätung durchaus angebracht gewesen wäre. Stattdessen zwinkerte er dem Alten verschwörerisch zu. “ Echt süß, das kleine Flügelchick vor der Tür! Neu im Himmel und gleich beim Chef gelandet?“ Lässig fläzte er sich auf den Besucherstuhl. „OK, die Braut hätte ich auch …“„’ermes!“ Des Herrn Stimme bebte. Jede Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. „Was um Himmels Willen ist mit Dir geschehen?“„Alles cool, Alter! Mir geht’ s prima.“Der Herr rang um Fassung. Auf die Blässe folgte Zornesröte und mit einem tiefen Zug schöpfte er Atem. Dabei stieg ihm der Duft von Moschus und Vanille in die Nase. Mehrfach musste er heftig niesen. „Du stinkst wie ein Iltis!“ entfuhr es dem Herrn harsch. „ Kruzifix noch einmal, ich bin allergisch auf Vanille!“Hermes schaute betroffen drein. Der Herr fluchte! Er beugte sich etwas vor und senkte die Stimme: „Willste ne Pille, Chef?“ Behände zog er ein kleines Tütchen aus der Jackentasche und legte es neben die Schale mit himmlischen Konfekt. „Echt guter Stoff. Danach ist Dir Deine Allergie scheißegal und…“Krachend fiel des Herrn Faust auf die massive Eichenplatte des Schreibtisches. „Sag, bist Du von allen guten Geistern verlassen?“ fragte er gefährlich leise . „Augenblicklich will ich wissen, was es mit Deinem Verhalten auf sich hat? Liegt es an diesem Zeug oder bist du krank?“„Ich? Krank? Nein, mir geht es bestens!“ Hermes schaute gelangweilt durch das Zimmer. „Ich bin jetzt ein Star!“„Ein Star…“ wiederholte der Herr gedehnt.Hermes nickte. „Der Job als Götterbote ist ja nicht schlecht. Und wenn Du ehrlich bist, Chef, hab ich ja auch ordentliche Arbeit geleistet. Aber ich wusste schon immer, dass da mehr in mir steckt. Dass ich Talent habe und …“ er zögerte kurz, „bei meinem letzten Einsatz auf der Erde bekam ich genau die Chance, auf die ich schon seit Jahrhunderten warte.“„Talent? Chance? ‘ermes, ich verstehe kein Wort! Du hattest den Auftrag, das Leben der Menschen zu beobachten und mir vom Zeitgeist des beginnenden 21. Jahrhunderts zu berichten.“„Jetzt mach dich mal locker, Chef! Cool down!“Der Alte zog die Brauen hoch und sah seinen Boten verständnislos an.„Soll ich jetzt berichten oder nicht?“ fragte Hermes schmollend.Der Alte nickte knapp. „Ich bitte darum…“„Also… “ begann Hermes und machte es sich wieder auf dem Stuhl bequem. „Du weißt ja, dass die Kluft zwischen Reichen und Armen immer größer wird. Das hatte ich ja schon in meinem vorletzten Bericht erwähnt und die Möglichkeiten, ohne Erbe oder kriminelle Energie… “„Ja ja, und weiter?“ Der Herr wurde ungeduldig.„Menschen, die ein besonderes Talent haben, bekommen nun endlich regelmäßig die Chance, berühmt und auch reich zu werden.“ Hermes seufzte. „Geld verdienen mit dem, was man kann und was man liebt. Quasi paradiesische Zustände, wenn mir dieser Vergleich erlaubt ist.“„Ist er nicht!“, warf der Herr ein. „Im Übrigen fehlt mir der Glaube an das Gelingen einer solchen Idee.“„Euch fehlt der Glaube? Da wird sich Meister Belzebub aber freuen“, grinste Hermes breit, ruderte jedoch sogleich zurück, als er den Unmut in den Augen seines Chefs sah. „Ehrlich, ich war auch skeptisch,“ beteuerte er, „nur darum habe ich mich bei einer dieser Castingshows angemeldet. Die schießen wie Pilze aus dem Boden und versprechen allesamt, die besten Talente zu Stars zu machen. Ganz ohne versteckte Kosten und Risiko! Undercover bin ich also in die Szene eingetaucht und wollte meine Mitbewerber überzeugen, dass ehrliche Arbeit, Fleiß und Gottesfürchtigkeit viel eher zu Erfolg führen …“„Aber Du bist gescheitert?“ unterbrach der Herr.„Aber so was von…“ erwiderte Hermes mit einem dramatischen Augenrollen „Ich habe es am eigenen Leib gespürt. Von der ersten Runde an war ich der Favorit und schaffte es tatsächlich bis ins Finale. Mein Kontrahent war ein in die Jahre gekommener Buchhalter. Er wollte es wohl noch mal wissen, der Arme!“ Hermes erhob sich und stellte sich vor dem Schreibtisch in Positur. „Ich habe gewonnen! Mein Foto geht gerade um die ganze Welt und meine CD stürmt die Charts. Mein Management hat haufenweise Anfragen von Fernsehsendern und Radiostationen. Und im Herbst gehe ich auf Welttournee!“ Just in diesem Moment erhielt er eine Nachricht auf seinem Handy. „Tut mir echt leid, Chef! Aber ich muss wieder … Autogrammstunde in einem Kaufhaus.“Der Alte reichte ihm mit einem nachsichtigen Lächeln die Hand. „Ich werde Dir nicht im Wege stehen. Viel Glück!“„Du willst mich nicht zurückhalten?“„Geh’ und komme zurück, wann immer Du möchtest. Der Job als Götterbote ist sicher.“„Danke, echt cool von Dir. Aber das wird wohl kaum passieren. Als Star habe ich den Himmel auf Erden. Mir wird es an nichts fehlen.“ eagle-nebula-11174_640Beschwingt verließ Hermes das Büro und sein Abschiedsgruß ließ Engel Cinderella erst zart erröten und dann herzzerreißend weinen. Schniefend und mit von Tränen verquollenen Augen betrat sie kurz darauf das Büro des Herrn.„Er kommt schon wieder, meine Liebe!“ meinte er tröstend und drehte seinen Bildschirm so, dass sie sehen konnte, was schon in wenigen Wochen in den Gazetten zu lesen sein würde: Talentschwemme lässt Träume platzen!Wenn der Kuchen mit vielen geteilt werden muss „Habt Ihr das veranlasst, Herr?“ fragte das Engelchen mit zitternder Stimme. Der Alte schüttelte den Kopf. „Viele sind berufen, aber Wenige auserwählt!“ Von: Juliette Stenzel Für den Inhalt und die Gestaltung der Geschichten sind die benannten Autoren verantwortlich. Alle Rechte liegen bei den Autoren.1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (No Ratings Yet)
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Dieser Artikel wurde am 18.November 2013 von mandy geschrieben.

von: Mandy Steffan

Mandy Steffan, Community Management