Neuigkeiten – von Jana Lippmann

18.11.2013
Irgendetwas war passiert. Polizei- und Notarztwagen standen vor dem Haus, seit einer halben Stunde schon.
Eine neugierige Menschentraube belagerte den Eingang. Wilde Spekulationen machten die Runde, aber niemand wusste etwas Genaues. Einbruch? Überfall? Mord und Totschlag?
Vielleicht eine Schlägerei? Oder doch nur eine belanglose Ruhestörung?
Ein Polizist eilte durch den Hausflur nach draußen. Offenbar wollte er zum Streifenwagen, doch die neugierige Meute hielt ihn auf.
depression-20195_640 „Was ist denn los?“, drängte Frau Franke.
„Darüber darf ich keine Auskunft geben“, wehrte der Gesetzeshüter ab.
„Dann machen Sie eben eine Ausnahme!“
„Tut mir leid!“
Er wollte weiter, wollte sich an den Menschen vorbeischieben, doch niemand zeigte genug Respekt vor seiner Uniform, um ihm ohne Gegenleistung Platz zu machen.
„Sie können uns doch nicht einfach so hier stehen lassen! Sagen Sie uns wenigstens, in welche Wohnung Sie gerufen worden sind!“
„Wir erzählen es auch niemandem!“, schaltete sich eine großgewachsene Frau mit strähnigem Haar in das Gespräch ein.
Der junge Polizist schüttelte vehement den Kopf. „Nein, das geht nicht.“
Im dritten Stock wurde ein Fenster geöffnet und gleich darauf noch eins. Das Holz ächzte erbärmlich und erregte die Aufmerksamkeit der Neugierigen. Sofort flogen alle Blicke nach oben zu den geöffneten Fenstern, wo der Wind mit den Gardinen spielte.
„Das ist doch Christians Wohnung!“, rief die Großgewachsene erstaunt. „Christian Schneider. Sind Sie bei ihm?“
„Sie kennen ihn?“, fragte der Polizist mit aufflackerndem Interesse.
„Was heißt kennen? Wir sind Freunde. Bei Facebook.“
„Was ist ihm denn passiert?“, gackerte Frau Franke aufgeregt und zupfte ungeniert am Ärmel des Polizisten.
„Tut mir leid. Das darf ich Ihnen nicht sagen“, wehrte der Uniformierte erneut ab.
„Ach, bitte!“, erscholl es gleich von mehreren Seiten. „Uns können Sie es doch verraten!“
„Nein, wirklich nicht.“
„Es muss ein gesundheitliches Problem sein. Sonst wäre ja der Notarzt nicht gekommen“, schlussfolgerte ein Mann in den Fünfzigern.
„Vielleicht hatte er einen Herzinfarkt.“
„Oder einen Schlaganfall.“
„Wahrscheinlich ist der Schneider so fett geworden, dass er nicht mehr aufstehen kann“, spekulierte Frau Franke. „Und nun muss die Polizei ihn aus seiner Wohnung tragen.“
„Das wäre wohl eher ein Job für die Feuerwehr“, ließ sich der Polizist zu einem Kommentar hinreißen.
„Also ist es etwas anderes!“, erkannte eine Frau, die schon die ganze Zeit auf ihrem Smartphone herumtippte.
„Vielleicht wurde der Schneider ja zusammengeschlagen“, riet ein Mann mit einem nervösen Dackel an einer kurzen Leine.
„Zusammengeschlagen? Von wem denn?“
„Na, von einem Einbrecher zum Beispiel. Der Schneider könnte doch in seiner Wohnung überfallen worden sein!“
„Oder er hat sich wieder einmal mit seiner Frau gezofft“, glaubte einer der Umstehenden.
„Blödsinn! Seine Frau ist doch schon vor vier Monaten ausgezogen“, widersprach ein anderer.
„Ach so? Das wusste ich ja noch gar nicht!“
„Doch, doch! Seine Nachbarin schräg über ihm hat es mir letzte Woche erzählt. Erst hat der Schneider seine Arbeit verloren und dann seine Frau.“
„Was? Arbeitslos ist der Schneider auch?“
„Ja, natürlich! Er hatte doch diese Cateringfirma …“
„War wohl selbst sein bester Kunde“, kicherte jemand aus der zweiten Reihe.
„Irgendwann im letzten Jahr ist der Schneider jedenfalls pleite gegangen und saß seitdem auf einem riesigen Berg Schulden. Er konnte die Kredite nicht mehr bezahlen, ist immer tiefer in die roten Zahlen gerutscht. Am Ende ist er sogar depressiv geworden!“
„Und fett!“, ertönte eine Stimme aus der letzten Reihe.
Frau Franke hatte genug von dem Geschnatter. „Was ist denn nun?“, unterbrach sie den Tratsch unwirsch. „Was ist dem Schneider denn nun passiert?“
Alle Blicke richteten sich auf den jungen Polizisten, der sich gerade davonstehlen wollte. „Ich sagte doch schon, dass ich Ihnen keine Auskunft geben darf.“
„Sie nehmen es aber genau!“, lamentierte Frau Franke beleidigt.
„So sind nun mal die Vorschriften.“
„Vielleicht habe ich ja Recht und der Schneider ist tatsächlich von einem Einbrecher erschlagen worden“, frohlockte der Gassigänger.
Wieder richteten sich fragende Blicke auf den Polizisten, der keinen Weg sah, diesem Inquisitionskommando zu entkommen. Dicht standen sie beieinander und wollten keine Ruhe geben, ehe sie alles erfahren hatten.
„So viel kann ich sagen: Einen Einbruch gab es nicht“, erklärte der Polizist so ruhig er konnte. Doch falls er gehofft hatte, sich damit aus der Affäre ziehen zu können, hatte er sich getäuscht. So leicht war die wissensdurstige Meute nicht zufriedenzustellen.
„Gab es Ärger mit seiner Frau?“, lispelte jemand.
„Nein.“
„Oder mit einem Nachbarn?“, drängte ein anderer.
„Nein, es gab keine tätliche Auseinandersetzung.“ „Dann ist der Schneider wahrscheinlich einfach aus seinem Fernsehsessel gefallen und das Poltern hat seine Nachbarn geweckt.“
Verhaltenes Kichern setzte ein.
„Nein, so war es nicht“, stellte der Polizist klar.
„Wie war es denn dann? Verletzt ist der Schneider doch! Sonst wäre ja der Notarzt nicht gekommen.“
Der Polizist wand sich sichtlich. Er wusste nicht, wie er den Fragen noch ausweichen sollte. Am liebsten hätte er den penetranten Nachbarn die Wahrheit in ihre Gesichter geschrien, doch seine Dienstvorschriften hielten ihn zurück.
„Ist er nun verletzt?“, wollte die Frau mit dem Smartphone wissen.
„Sozusagen.“
„Was denn nun?“
„Herr Schneider ist tot, verdammt nochmal“, platzte es plötzlich aus dem Polizisten heraus. „Nicht verletzt, sondern tot! Verstehen Sie?“
Betretenes Schweigen setzte ein und der Polizist begann sich plötzlich in Rage zu reden: „Vier Tage lag er in seiner Wohnung und keiner hat etwas bemerkt. Keiner von Ihnen!“ Ein unverständliches Wispern kam aus der zweiten Reihe und schließlich riss Frau Franke das Ruder an sich: „Woran ist der Schneider denn gestorben?“
„Gute Frau, …“
„Ich weiß, ich weiß. Sie dürfen uns nichts verraten, aber nun haben Sie uns das Wichtigste sowieso schon erzählt. Da kommt es auf den Rest doch auch nicht mehr an. Oder was meint ihr?“
Sie erntete Zustimmung von allen Seiten, doch der Polizist zierte sich wieder einmal.
„Oder wollen wir wieder dieses Ratespiel veranstalten?“
„Herzinfarkt?“, tippte die Frau mit dem Smartphone.
„Nein.“
„Schlaganfall?“
„Nein.“
„Haushaltsunfall?“
„Verdammt nochmal, er hat sich die Pulsadern aufgeschnitten!“, brachte er Polizist wütend hervor.
Er starrte in fassungslose Gesichter, stumm vor Entsetzen und auf der Suche nach einer passenden Erwiderung. Seine Worte hallten in ihren Ohren nach, bis sie in ihre Hirne gesickert waren.
Natürlich war es wieder einmal Frau Franke, die sich als Erste aufrappelte. „Warum denn nur?“, fragte sie ungewohnt zaghaft.
Der Polizist wusste genau warum. Er hatte den Abschiedsbrief gelesen.
„Weil er sich unverstanden und ungeliebt gefühlt hat. Herr Schneider hatte niemanden, mit dem er sprechen konnte. Da war niemand, der ihm zuhören wollte oder der seine Hilfe angeboten hätte. Einfach niemand. Hat irgendjemand von Ihnen ein Mal mit ihm gesprochen, ihn gefragt, wie es ihm geht? Ein Mal? Ein einziges Mal?“
„Ich hab ihn per Facebook angeschrieben, aber er hat nicht geantwortet“, verteidigte sich die Großgewachsene.
Eilig ging der Polizist weg, und die Menschen ließen ihn ungehindert passieren. Betreten starrten sie zu Boden und trauerten für ein paar Sekunden um den armen Herrn Schneider.
Dann verstreuten sie sich zügig, gingen ihren Besorgungen nach, erzählten die erschütternde Neuigkeit weiter, schrieben E-Mails, chatteten, twitterten und posteten. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht und schon am Abend wussten alle Bescheid.
An diesem Tag war der unglückliche Herr Schneider in aller Munde. Nachdem er sich umgebracht hatte, war er zu einer Berühmtheit geworden. Jeder kannte ihn und jeder bedauerte ihn. Nicht nur in seiner Kleinstadt, sondern scheinbar in der ganzen Internetwelt.


Für den Inhalt und die Gestaltung der Geschichten sind die benannten Autoren verantwortlich. Alle Rechte liegen bei den Autoren.

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Dieser Artikel wurde am 18.November 2013 von mandy geschrieben.

von: Mandy Steffan

Mandy Steffan, Community Management