Die Zeit von früher – von Marja Holzkamp

19.11.2013
In den Achtzigern war alles anders, denkt Ina. Die Mode und die Gründe, zu demonstrieren, kommen einander wieder näher, aber der Zeitgeist selbst hat sich gewandelt. Trotzdem gesellt sie sich zu den hauptsächlich bunt gekleideten Leuten mit zerzausten Haaren und lässt sich ein Schild in die Hand drücken. „Gegen die Banken“, steht darauf. demonstration-144957_640Sie hebt es hoch und kann nicht anders: Sie stimmt die Slogans mit an, denn auf einmal fühlt sie sich wie damals, als sie noch studierte. Die Zeit der härtesten Demos war Mitte der Achtziger vorbei, aber die gemäßigten Protestmärsche fanden weiterhin statt. Der Rhythmus der Gesänge und der alte Idealismus sind noch lange nicht tot.
Gegen das Establishment! Tod dem Kapitalismus! Wo bleibt der Bürger? Die Banken sind kriminell!
Die gemeinsamen Rufe versetzen die Menge in Aufruhr und entfachen Wut. Energie strömt durch Inas Körper und verstärkt ihre Stimme. Morgen wird sie heiser sein; egal, es geht um wichtige Dinge. Vielleicht wird sie von Bekannten gesehen, aber auch gegen diesen Gedanken wehrt sich ihr Trotz. Sie schreit mit, gegen ihre Eltern, gegen die Regierung, gegen die Banken: Gegen alles, was damals Macht hatte und was auch heute noch für Unterdrückung steht.
Zu spät sieht sie die Gruppe von Polizisten, die ihre Gruppe von der großen Masse trennt. Auflösung ist Tod! Sie will die Worte rufen, doch schon packen sie zwei Uniformierte so fest, dass sie sich weder rühren noch einen Ton über die Lippen bringen kann. Auch einige andere werden zum nächsten Aufnahmewagen gezerrt. Doch, Ina könnte brüllen und zetern, aber sie will es nicht, beißt die Zähne zusammen und fühlt sich seit langer Zeit wieder einmal stark und jung. Sie könnte schreien und fluchen, treten und sich wehren. Sie könnte ihre Kraft nutzen, um sich freizukämpfen. Stattdessen hebt sie sich die Wut für später auf, verschiebt nur ihren Ausbruch, um jetzt den inneren Sturm zu bündeln.
„Was soll das denn?“, fragt ein Polizist, der sich ihr im Wagen gegenüber setzt. Er ist etwa in ihrem Alter, an die fünfzig, und runzelt die Stirn. Seine Augenbrauen zucken. Streng wirkt er jedoch nicht, eher verwundert.
„Was soll was?“
„Sie sind … Sie passen gar nicht in diese Demo. Reingeraten?“
Sie fühlt sich wie vor dreißig Jahren: jung und frech. Ina schiebt ihr Kinn vor.
„Nein. Überzeugung.“
„Verspäteter Idealismus?“
„Wieso verspätet?“, fragt sie und freut sich auf einen verbalen Kampf. Seine Augen blinzeln auffallend oft, vielleicht trägt er Kontaktlinsen.
„Weil … Sie wie gesagt eine untypische Demonstrantin sind.“
„Sehen Sie mal genauer hin. Es sind ja wohl nicht nur die jungen Leute, die sich gegen das Bankensystem und die Mächtigen auflehnen. Wir sollten alle viel öfter auf die Straße gehen. Früher haben wir das auch gemacht. Sie etwa nicht? Oder standen Sie schon immer auf der Seite des Staats und der Gesetze?“
„Ach kommen Sie. Sehen Sie sich an. Sehen Sie die anderen Demonstranten an. Sie haben sich verirrt, warum geben Sie das nicht zu? Dann können Sie auch wieder gehen.“
Ina spürt, wie ihr Gesicht glüht vor Begeisterung und Wahrheitsdrang. Das will sie nicht aufgeben.
„Haben Sie alles vergessen?“, fragt sie zurück und liest sein Namensschild. „Herr Bode, Sie waren doch auch mal jung. Haben Sie nie rebelliert?“
Er lehnt sich zurück, doch seine Hände und Schultern entspannen sich nicht.
„Doch“, gibt er zu, „aber ich bin irgendwann erwachsen geworden. Und Sie offensichtlich auch, nur Sie möchten es nicht wahr haben. Midlife Crisis?“
„Midlife Crisis ist nur eine fade Ausrede für Fehler, die man jenseits der vierzig macht“, murmelt Ina. Er zuckt mit den Schultern und lehnt sich wieder nach vorne, nähert sein kantiges Gesicht.
„Na schön, Sie wollen es wohl nicht anders. Ihre Papiere bitte.“
Sie holt ihr Portmonee heraus und schiebt ihm den neuen Ausweis zu. Sie sieht hässlich darauf aus. Haare zurück, wie vorgeschrieben, kein Lächeln, starrer Blick nach vorne.
„Ina Deister“, liest er und lacht auf. Sie erschrickt und spürt Wut aufwallen, fährt ihn an: „Was?“
„Du warst schon in der Schule so eine komische Nudel.“
„Was?“ Sie wühlt in ihrem Gedächtnis, findet aber keine Ähnlichkeit mit dem hageren Mann.
„Wer erinnert sich denn jetzt nicht? Heiner Bode, Mathe Top, Sprachen Flop.“
Ein Bild von Holztischen und einer Schultafel schiebt sich in ihren Kopf. Zahlen, Gleichungen, Vektoren, Mengen. Heiner und Ina stritten sich um die beste Mathe-Zensur und um das Lob des Lehrers. Er war sportlich ein As, und sie machte bei der Schülerzeitung mit. Somit hatten beide eine gewisse Stimme in ihrem Jahrgang. Jetzt grinsen sie sich an.
„So what?“, fragt Ina.
„Was meinst du damit?“
„Wie gehst du jetzt mit der Situation um?“
Sie kann ihm ansehen, wie er sich freut, sie erwischt zu haben. Sein Oberkörper ist zurückgelehnt, die Füße hat er übereinandergeschlagen.
„Na ja, das ist mindestens einen Wiedersehenstrunk wert“, sagt Heiner.
„Das nenne ich mal Opportunismus. Du bist kurz davor, mich zu verhaften, und jetzt soll ich dich bestechen?“
„Wer sagt denn, dass du mich einladen sollst? Du bist selbstverständlich mein Gast. Nach meinem Feierabend. Nach dieser Demo.“
„Deren Inhalt dir schnurzegal ist.“
„Im Prinzip schon.“
„Du weißt aber schon, dass wir Recht haben. Die Banken sind viel zu mächtig!“
„Dein verspäteter Idealismus in allen Ehren …“
„Was soll das mit dem verspäteten Idealismus? Ist das dein neues Schlagwort? Für Idealismus ist es nie zu spät.
„Soll ich dich lieber doch verhaften? Deine Personalien muss ich jetzt sowieso aufnehmen.“
„Ja, ja. Und dann werde ich vielleicht noch mal kontaktiert, damit ich Angst kriege. Scheiß-Polizeistaat.“
Er hebt die Augenbrauen, aber Ina will sich nicht zurückhalten und redet weiter, flucht über die bestehenden sozialen und politischen Probleme, regt sich über die Fehler der Regierung auf und kann gar nicht mehr aufhören. Es ist wie bei einem Fass, das angestochen wurde: Alles läuft aus ihr heraus, all die Ängste und Zweifel, die Erkenntnis, dass sie nichts ändern kann. Am Ende stützt sie ihre Ellbogen auf die Knie und versenkt das Gesicht in den Händen. Sie versucht, die leichte Berührung an der Schulter zu ignorieren, damit sie nicht in Tränen ausbricht.
Es ist vorbei. Die Achtziger sind lange vorbei. Der Idealismus ist nicht verspätet, sondern nur nicht mehr zeitgemäß. Nicht altersgemäß.
„Alles gut?“, fragt Heiner leise.
„Nichts ist gut“, raunzt Ina, beißt die Zähne zusammen und richtet sich wieder auf.
„Ich find’s gut“, sagt er noch leiser. Auch sein Unterkiefer wirkt verkrampft. „Ich find’s gut, dass du das noch nicht verloren hast.“
Sie muss grob bleiben, sonst rutscht sie wieder in die Vergangenheit und verfällt den alten Fehlern, dem bekannten Teufelskreis. Demonstrieren, schreien und fluchen, weinen, trösten lassen, enttäuscht werden, wieder aufstehen und rebellieren.
„Schön, dann findet es wenigstens einer gut.“
Er wirft noch einen Blick auf ihren Ausweis und reicht ihn an Ina zurück.
„Deine Adresse habe ich ja. Ich hole dich heute Abend ab. Zwanzig Uhr?“
„Nein!“
„Fein. Raus mit dir.“
Vier Sekunden später steht sie auf der Straße und fühlt sich wie aus einem Traum erwacht. Es ist ihr egal, welches Jahr gerade ist, 1985 oder 2013. Auch das eigene Alter ist ihr egal, zwanzig oder 48. Hauptsache, sie glaubt an etwas.
„Scheiß-Establishment“, brüllt sie mit aller Kraft und rennt los, flieht vor etwas und zu einem Ziel hin, das sie nicht kennt. Vielleicht vor einer anderen Zeit oder in eine andere Zeit. Und vielleicht wird sie tatsächlich heute Abend mit Heiner ausgehen.


Für den Inhalt und die Gestaltung der Geschichten sind die benannten Autoren verantwortlich. Alle Rechte liegen bei den Autoren.

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Dieser Artikel wurde am 19.November 2013 von mandy geschrieben.

von: Mandy Steffan

Mandy Steffan, Community Management