Haltepunkt – von Alexander Zahn

20.11.2013
Alaunplatz. Die Computerstimme der Ansagerin in der kalten Künstlichkeit um ihn herum. Es ist November, Kälte außen, Kälte in der Bahn. Geruch nach Metall und Gummi.

solitude-57920_640 Plötzlich etwas wie ein Blitzschlag in seinen Gedanken. Ihm ist, als ob sich die ganze Welt in einer einzigen Sekunde um ein Stück zur Seite schiebt und neu einrastet. Eine neue Sicht auf das Universum, auf das Leben, was, wie er in diesem Moment feststellt, das Gleiche ist. Schließt er Augen und Ohren, hört beides auf zu existieren. Eine Illusion. Wie könnte sie auch echt sein, diese neue Wahrnehmung? Die Blicke der Mitfahrenden um ihn herum leer, Ehepaare, die auf Zweierbänken sitzen um den Schein zu wahren, aber so weit auseinandergerückt sind wie nur möglich. Junge Männer und Frauen mit riesigen Kopfhörern, die versuchen, die Welt nur noch ein paar Minuten auszusperren. Abgespannte Mittvierziger mit toten, blutunterlaufenen Augen. Die fröhlichste Gestalt ein irre grinsender, nach Alkohol stinkender Obdachloser.
Er spürt, dass in diesem Moment etwas mit ihm passiert. Dass sich sein Leben ändert und dass die Gewissheit, nie wieder zurück zu können, körperlich schmerzt. Er krümmt sich in seinem Sitz, dessen furchtbares gelbschwarzes Muster ihm aberwitziger Weise in diesem Moment auffällt. Ist es das, was ihn ab jetzt jeden Tag erwartet? Mit einem Mal wird ihm bewusst, was ihn am Umgang mit Erwachsenen schon immer irritiert hat. Der vielzitierte Ernst des Lebens. Mit der Unschuld der Kindheit verloren die Menschen gleichzeitig deren größtes Gut: das grundlose Glück.
Kinder brauchten einen Grund um unglücklich zu sein, Erwachsene einen um glücklich zu sein. Was würde nun kommen? Glück nur unter Alkohol? Nach einer Zigarette? Einem guten Buch oder Film? Einer Gehaltserhöhung?
Aber kein Staunen mehr, keine Einfachheit, keine Freude am Kleinen und Großen. Mit einem Mal ist ihm, als könnte er in die Menschen in der Bahn hineinsehen. Ihre zerbrechlichen Knochen, Sehnen und Organe. Wie unglaublich fragil und vergänglich, wie nichtig und winzig. Und darunter ihre Seelen, grässliche Gebilde, ausgekleidet mit einem Bodensatz aus angesammelten Enttäuschungen, Verletzungen, falschen Entscheidungen und verpassten Gelegenheiten, wie Kalk in einem Wasserkocher. Wie viele von ihnen sich wohl wünschten, noch mal von vorn beginnen zu können und doch würden sie nichts anders machen. Was war es, das diese Menschen abstumpfte, sie blind, taub und orientierungslos machte? Er muss lachen. Diese Menschen? Er ist jetzt einer von ihnen! Er wird sich nun morgens fragen wofür er überhaupt aufsteht, was der Sinn seines Lebens ist. Der Lachanfall schüttelt ihn regelrecht. Als wäre das menschliche Dasein nicht das Sinnloseste im Universum! Vom reinen Ansehen kann er sagen, was seine Mitinsassen (automatisch benutzte er in Gedanken dieses Wort) tun, um nicht den Verstand über dieser Sinnlosigkeit zu verlieren. Buddhist, Veganerin, Musikverehrer, Onlinespieler, Trinker. Das waren die Jüngeren. Die Älteren hatten Kinder in die Welt gesetzt und glaubten so, ihrem Leben Sinn gegeben zu haben.
Bautzner Straße/Rothenburger Straße. Aussteigen. Der Moment der Klarheit ist vorbei, die Menschen sind wieder Menschen und doch ist die Haltestelle, die Treppe, die Tür, die Wohnung nicht mehr dieselbe. Kurz hat er das Bedürfnis zu weinen, doch wer würde es hören? Wen würde es kümmern? Er ist jetzt einer von ihnen. Er ist allein.


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Dieser Artikel wurde am 20.November 2013 von mandy geschrieben.

von: Mandy Steffan

Mandy Steffan, Community Management