TOURNEDOS ROSSINI – von Eva Hutter

20.11.2013
Anna starrte auf die geschlossene Türe. Sie war wieder mal am Arbeitsamt. Kalte Atmosphäre, Menschen, die – teils lethargisch, teils hektisch – die notwendigen Formulare ausfüllten. Hektisch Jene, die erst seit Kurzem hier her kamen. Lethargisch, die Anderen. Die, die sich schon eine vermeintlich dicke Elefantenhaut zugelegt hatten, um die vielen Abweisungen nicht mehr zu spüren. man-209417_640Sie gehörte zur zweiten Gruppe. Sie hatte hier alles durch nach einem Jahr. Sinnlose Schulungen inklusive. In denen sie gelehrt wurde, nichts persönlich zu nehmen. Und sich richtig zu bewerben. Sie lachte kurz und zynisch in sich hinein. Wie oft hatte sie sich erfolgreich beworben. Und den Job gekriegt. Jahrelang. Sogar Mitarbeiterin des Jahres war sie gewesen. Des öfteren. In einigen namhaften Werbeagenturen. Sie war 47. Personalabbau. Die Zeiten waren schlecht, Großkunden sprangen ab. An ihrem letzten Arbeitsplatz war sie zehn Jahre lang gewesen. Sie war eine der Ersten, von denen man sich verabschiedete. Zu teuer. Eine junge, hübsche Praktikantin hatte angeboten, umsonst zu arbeiten. “Immer wenn sich im Leben eine Türe schließt, öffnet sich eine andere.” Sie dachte an die vielen Selbsthilfebücher, die sie sich zugelegt und einverleibt hatte.

Am Anfang ihrer ungewollten Freizeit war sie noch zuversichtlich gewesen. Sie konnte diese ganzen Binsenweisheiten nicht mehr hören. Sie starrte auf die Türe, die sich geschlossen hatte genauso wie auf die Türe, die noch zu war.
“Frau Otto, bitte.” Na, wenigstens öffnete sich jetzt eine Türe. Leider nur, damit sie sie zwanzig Minuten später wieder hinter sich schloss. Das ewig gleiche Gelabere im Ohr: “Sie wäre überqualifiziert – einerseits. Andererseits konnte sie nicht mithalten. Mit den neuen Ausbildungen, Kollegs, den jungen Bachelors. Und mit den allerneuesten Graphikprogrammen.” Sie fragte nach, ob es Kurse gab, um sie auf den allerneuesten Stand der Branche zu bringen. “Ja, natürlich.” Aber, die müsse sie selbst bezahlen. Guter Witz. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit waren ihre Ersparnisse so gut wie aufgebraucht. Die hohe Miete…….
Aber ein anderer Kurs könnte ihr gratis angeboten werden. “Richtig bewerben für Fortgeschrittene.” Zu skurill. Sie lachte auf dem Heimweg. Doch es war kein befreites Lachen, eher das Lachen einer Frau am Rande…… von Irgendwas.
Vor ihrer Haustüre sprang ein großer schwarzer Hund an ihr hoch und bekleckerte sie mit seinen schmutzigen Pfoten. “Entschuldigen sie vielmals.” Ein junges Mädchen mit Rastalocken kam hinter dem ungestümen Gesellen hergelaufen. “Ach, macht doch nichts.”
Sie trug ohnehin alte Jeans und einen Parka und keine Designerklamotten wie in ihren schicken Bürozeiten. Sie streichelte dem schwarzen Riesenbaby über den Kopf. Hunde hatte sie immer sehr gemocht.
Doch leider hatte sie nie Zeit gefunden für ein Haustier. Sie sperrte ihre Wohnungstür auf. Ihre Hochglanzmöbel starrten sie kalt an. Sie blickte auf das Foto im Rahmen. Ein strahlendes, erfolgverwöhntes junges Paar lachte ihr entgegen. “Du bist mein ganzes Glück.” war im Rahmen eingraviert. Frank. Lang ist’s her. “Nur nicht sentimental und selbstmitleidig werden.” dachte Anna. Doch es war schwer. “Du solltest dich wieder einmal mit einer lieben Freundin treffen.” hatte ihre Mutter unlängst am Telefon bemerkt. Nun, vermutlich hatte ihre alte Mutter mehr Freundinnen als sie. Freundschaften, Partnerschaften – alles war bei ihr stets mit dem Beruf verknüpft gewesen. Job weg, Freunde weg. So einfach war das. Und so traurig. Kinder waren für sie nie ein Thema gewesen. Ihre Arbeit war immer ihr Baby gewesen.
Am frühen Abend beschloss Anna auszugehen. In Ermangelung an Begleitpersonen alleine. Sie öffnete ihren Kleiderschrank, der noch mit den schicken Klamotten aus ihrem früheren Leben gefüllt war. Sie entschied sich für ein kleines Schwarzes und schwarze Hochglanzstrümpfe. Ein sinnliches Vergnügen. Todschicke Highheels aus der vorvorigen Saison und ein cremefarbener Kamelhaarmantel rundeten das Erscheinungsbild ab. Sie kramte in der Kiste, in der ihre alten Taschen verstaut waren. Schnell stopfte sie einige Utensilien aus ihrem Umhängebeutel in eine schwarze Clutch, eines der letzten Geschenke von Frank. Nachdem sie dezentes Make up aufgelegt hatte, betrachtete sie sich wohlwollend im Spiegel. Sie fühlte sich beinahe so edel und glamourös wie in ihren prestigeträchtigen Zeiten. Beinahe.
Als sie um die Ecke ihres Häuserblocks bog, sprang ihr der große schwarze Hund entgegen. Sie mußte unwillkürlich lächeln und machte gleichzeitig eine abwehrende Handbewegung. “Heute nicht, mein Schatz.” “Buddy, hierher”, pfiff ihn sein Frauchen zurück. “Er mag Sie.” Die junge Frau stand vor ihr in Turnschuhen und Jogginghosen. Anna kam sich plötzlich ein wenig lächerlich vor in ihrem aufgebrezelten Look. Sie erfuhr, daß Buddy’s Frauchen Mo hieß, Veterinärmedizin studierte und dass sie schon seit drei Jahren im gleichen Haus wohnten. Vielleicht sollte sie sich doch ein wenig für ihre Nachbarn interessieren.
Sie betrat das Giorgio’s, einen trendigen Italiener. Wie oft hatte sie hier mit Frank diverse Jahrestage gefeiert. Oder mit Kollegen diverse Geschäftserfolge. Nicht ganz billig, der Schuppen. Egal. Sie würde sich das heute gönnen. Obwohl sie eigentlich nicht sollte….
Sie orderte “Tournedos Rossini”, ihr einstiges Lieblingsgericht und dazu ein Glas Bordeaux.
“Na, das gibt’s ja nicht. Anna? Anna Otto? Die Frau, die von vorne und von hinten gleich ist. Gleich tough. Hahaha.” Dieses überhebliche Lachen kam ihr bekannt vor. Vor ihr stand Max, ihr einstiger Arbeitskollege in einer namhaften Werbeagentur. Sie hatte ihn damals ausgestochen bei einer Beförderung und hatte den Posten des Creative Directors abgeräumt. Seit dem Zeitpunkt hatte er wie ein ständig auf der Lauer liegender Wolf gewirkt. Anna hatte dann schließlich die Agentur verlassen um in einer noch namhafteren einen noch besseren Posten einzuheimsen. “Was treibst du denn jetzt so, coole Anna?” “Ich…. äh. Ich hab mich…. selbstständig gemacht.” “Übrigens, das ist Mandy.” Er deutete auf eine hübsche Frau an seiner Seite, die mindestens zwanzig Jahre jünger wirkte. Unter ihrem grauen Seidenkleid zeichnete sich ein kleines Bäuchlein ab. Er umfasste die junge Frau. “Ich bin jetzt Creative Director bei Blossom. Arbeite Tag und Nacht. Für den Nachwuchs. Hahaha. Ach, du bist selbstständig? So wie Frank, dein Ex? Hab gehört, daß er jetzt ständig für so komische Non-Profit-Organisationen Kampagnen macht. Mit so bescheuerten Viechern. Na ja, die große Kohle ist da sicher nicht zu holen. Dabei hätte er die bitter nötig. Sieht schließlich auch späten Vaterfreuden entgegen. Hahaha.” Mandy zog die Schultern leicht hoch und lächelte entschuldigend. “Vermutlich lernt sie gerade die erste Lektion in Fremdschämen.” dachte Anna und schluckte. Frank. Kinder waren damals für sie beide nie ein Thema gewesen….
“Und du, so allein hier?” Langsam raubte ihr dieser Max den letzten Nerv. Schon gut, dass sie ihn seinerzeit ausgebootet hatte. “Mein Begleiter muss jeden Moment auftauchen”, log sie. Nachdem sich Max und Mandy schnell verabschiedet hatten, brachte der Kellner auch schon die Tournedos Rossini. “Bitte, können Sie es einpacken? Ihr war der Appetit vergangen. Sie kippte den Rotwein runter, bezahlte und schlich sich halb geduckt aus dem Restaurant.
Puh, das hatte ihr heute gerade noch gefehlt. Was sollte sie nun anfangen mit dem angebrochenen Abend? Sie ging schnurstracks in eine Bar auf der anderen Straßenseite. Der Einfachheit halber pflanzte sie sich gleich auf einen Barhocker an der Theke. “Einen Mojito, bitte.” Anna hatte sich nie viel aus Alkohol gemacht und das war der einzige Cocktail, der ihr mundete. Ein junger Barmann mit sympathischem Lächeln bediente sie. Sie kippte das Getränk runter. Aah. Sie orderte noch einen. Leicht angeduselt begann sie ein Gespräch mit dem jungen Mann. Sie erfuhr, dass er einen Abschluss in Wirtschaftspsychologie hatte. Er hatte sich bei verschiedenen Werbeagenturen beworben und etliche Absagen erhalten. Begründung: ihm fehle die Berufserfahrung. “Oh Mann, was war das bloß für ein verkorkster Zeitgeist!” “Versuchen Sie es mal bei Blossom. Mit Empfehlung von Anna Otto.” Sie bezahlte und zwinkerte ihm ermutigend zu.
Verrückte Welt. Es war kalt. Anna zog ihren Mantel enger um den Hals. Plötzlich hörte sie ein quietschendes Aufjaulen. Sie war über etwas gestolpert und fiel beinahe hin. Sie blickte in ein paar Hundeaugen. Vor ihr lag ein semmelblonder Mischlingshund. Neben ihm saß sein Herrchen auf dem Gehsteig. Ein ungepflegter Mann mit langem Haar und langem Bart. Er lehnte an einem Rucksack und hatte eine karierte Decke über den Knien. Freudig sprang der süße Hund an Anna hoch. Sie ließ sich spontan auf den Gehsteig fallen und streichelte ihn. Sie öffnete die Plastikbox mit den Tournedos Rossini und hielt sie dem Mann hin. Schweigend nahm er ein Stück von dem teuren Rinderfilet und stellte den Rest mit Gänseleber seinem besten Freund vor die Nase, der alles gleich gierig verschlang.
Anna wußte nicht, wie lange sie so dasaß. Sie spürte keine Kälte und verlor das Gefühl für Zeit und Raum. Jetzt fröstelte sie doch ein wenig und drappierte ein Stück ihres einstmals hellen Mantels über ihrem Knie. Der Mann schob ihr seine karierte Decke rüber. Sie blickte ihn an und stellte fest, dass sie noch kein einziges Wort miteinander gewechselt hatten. Es war unmöglich, sein Alter zu schätzen, doch aus dem überwucherten Gesicht blitzten plötzlich zwei jugendliche Augen voller Lebensfreude und Weisheit auf.
Er sah sie direkt an und sprach mit sanfter und gleichzeitig einprägsamer Stimme: “Manchmal starrt man nur auf die Türe, die sich geschlossen hat. Und sieht nicht, dass ein Luftzug schon eine andere einen Spalt geöffnet hat.”


Für den Inhalt und die Gestaltung der Geschichten sind die benannten Autoren verantwortlich. Alle Rechte liegen bei den Autoren.

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Dieser Artikel wurde am 20.November 2013 von mandy geschrieben.

von: Mandy Steffan

Mandy Steffan, Community Management