Außer Betrieb – von Ursula Wyputta

22.11.2013

Ich bin ein Haushaltsroboter. Ich wurde konstruiert, um meiner Familie die täglichen Arbeiten abzunehmen und das Leben zu erleichtern. Ich koche, wasche, bügle und kümmere mich um drei Kinder. future-175620_1920Jahrelang habe ich bestens funktioniert. Doch die Pflichten wurden immer komplexer. Nun werde ich auch als Chauffeur eingesetzt. Ich fahre die Tochter des Hausherrn zum Balletunterricht, zur Englisch-Nachhilfe und zur Gitarrenstunde in die Musikschule. Ihre Brüder, Zwillinge übrigens, müssen zur musikalischen Frühförderung ebenfalls dorthin gebracht werden. Die Jungs wollen mit Freunden spielen, die meist am anderen Ende der Stadt wohnen. Das Mädchen möchte je nach Jahreszeit ins Freibad oder auf die Eisbahn. Zwar hat die Dreizehnjährige ein Fahrrad, und die Radwege in unserer Stadt sind gut ausgebaut. Doch entweder ist es ihr zu heiß, es regnet, oder sie ist zu spät dran. So kutschiere ich die Kinder durch die Gegend und eile dann schnell zu meinen Haushaltspflichten. Kaum bin ich dann mit Wäsche waschen oder bügeln fertig, muss ich wieder ins Auto steigen, um die Kinder von ihren diversen Terminen abzuholen. Sobald wir dann wieder zuhause sind, ist das Abendessen vorzubereiten. Meine vielfältigen Aufgaben nimmt die Familie kaum wahr. Alles funktioniert reibungslos, das ist die Hauptsache. Darauf bin ich ja schließlich programmiert.

In letzter Zeit aber häuften sich Störfälle. Statt den Stapel Schmutzwäsche in die Waschmaschine zu stecken, verfrachtete ich die Sachen in den Trockner. Am Geburtstag der Zwillinge habe ich Zucker mit Salz verwechselt. Die Waffeln waren selbst mit heißer Himbeersoße und Vanilleeis ungenießbar. Auch die Geburtstagstorte ist mir misslungen. Der Biskuitboden blieb beim Backen seltsam flach, obwohl ich exakt die vorgeschriebene Menge Backpulver genommen hatte. Erst als ich die Quarkcreme für die Füllung aus dem Kühlschrank nahm, bemerkte ich meinen Fehler. Ich hatte vergessen, den steifgeschlagenen Eischnee unter den Teig zu heben. So konnte der Kuchen im Ofen nicht aufgehen. Doch ich wusste mir zu helfen. Der Tortenboden erhielt keine Füllung sondern eine Haube aus Erdbeercreme und Sahne. Die Jungs waren zufrieden. Schließlich zeigten sie sowieso mehr Interesse für ihre Geschenke als für die Kaffeetafel. Zumindest dieser Tag schien gerettet.

Doch dann kam jener Vormittag, als der Schornsteinfeger aufs Dach musste. Es hatte die ganze Nacht geregnet. Der schwarze Ruß hinterließ hässliche Spuren auf der neuen Geschossdeckendämmung. Das bedeutete stundenlanges Saubermachen. Als ich endlich fertig war und die Treppe hinabsteigen wollte, blieb ich mit dem Eimer an der Holzplanke hängen. Erst kippte der Eimer um, dann rutschte ich auf den nassen Stufen aus. Die Tochter war auf Klassenfahrt, die beiden Söhne durften bei ihrer Tante übernachten. Deshalb fand mich der Herr des Hauses erst am Abend.

Seither fehlt mir jede Erinnerung. Ich weiß nicht einmal wo ich hier bin. Ich nehme an, es ist eine Art Werkstatt mit Reparaturservice für defekte Haushaltsroboter. Denn irgendetwas scheint mit meinen Synapsen nicht zu stimmen. Die Software ist wohl defekt. Oder vielleicht wurde beim Sturz meine Hauptplatine beschädigt. Auf jeden Fall höre ich sie reden, den Hausherrn und die beiden Spezialisten, in deren Obhut er mich gegeben hat:
„Herr Kleinschmitt, wir können noch nicht sagen, was Ihrer Frau fehlt. Erst dachten wir, sie hätte bei dem Sturz nur eine leichte Gehirnerschütterung davon getragen. Die Röntgenbilder zeigen keinen auffälligen Befund. Dennoch scheint es sich um eine ernstere Störung zu handeln. Deshalb muss sie auf jeden Fall noch einige Kontrolluntersuchungen im MRT durchlaufen. Wir haben einen Kernspintomographen der neuesten Generation. In ein bis zwei Stunden können wir Ihnen dann mehr sagen. Wenn Sie warten möchten, es gibt eine Cafeteria in der Klinik.“

Ich verstand jedes Wort, aber der Sinn dieser Sätze erschloss sich mir nicht im Geringsten. Meine Hörfunktion war intakt, doch irgendwie interessierten mich die Informationen nur am Rande. Wäre ich ein Mensch, man hätte wohl meinen können, ich sei müde, todmüde und wolle nur schlafen, schlafen, schlafen. Man fuhr mit mir durch lange Gänge, packte mich auf eine Bahre und schob mich in eine Art Röhre. Es war laut, sehr laut, obwohl sie mir Stöpsel in meine Gehörgänge steckten, um die Geräusche ein wenig zu dämpfen. Etwa dreißig Minuten später befreite man mich aus dem Tunnel, schob mich durch die weißgestrichenen Flure zurück in das Zimmer und ließ mich allein.

Auf dem Tisch neben dem Bett lagen Stift und Papier. Ich beschloss meinem Besitzer eine Nachricht zu hinterlassen. Schließlich musste er nun planen, wie es mit dem Haushalt weitergehen sollte und wer die Kinder versorgen würde. Zwar schien er kaum jemals wirklich Notiz von mir zu nehmen, doch war ihm wichtig, dass alles reibungslos ablief. Es fiel mir schwer, mich aufzusetzen und den Stift zu fassen. Mein Greifarm gehorchte mir nur widerwillig, das Schreiben ging mühevoll von der Hand. Es gelang mir zumindest drei Worte aufs Papier zu bringen. Den Zettel schob ich in die Klarsichthülle, in der schon eine Karteikarte mit Namen und Datum steckte: Monika Kleinschmitt, MRT und Angiografie am 08.10.2013.

Kaum hatte ich mich wieder hingelegt, kamen sie schon zur Türe herein. Der Spezialist im weißen Kittel reichte meinem Besitzer einen ganzen Stapel von Bildern. Der starrte etwas ratlos auf die Aufnahmen und lauschte der Erklärung des Experten:
„Nun ja, Herr Kleinschmitt, wie ich schon vermutete, sind alle Untersuchungen ohne Befund. Das ist eigentlich sehr erfreulich. Kein Blutgerinnsel im Gehirn, keine geplatztes Aneurysma, kein leichter Schlaganfall, nichts, was den Ausfall der Sprachfunktion erklären könnte. Vielleicht mag Ihre Frau einfach nur nicht mit uns kommunizieren? War sie in letzter Zeit anders als sonst? Schien sie überfordert oder deprimiert? Dieser Zustand könnte psychosomatischer Natur sein. Ich schlage vor, wir überweisen sie in eine Reha-Klinik mit psychosomatischer Abteilung.“

Mein Besitzer hörte dem Gespräch aufmerksam zu und überlegte eine Weile. Seine Antwort kam etwas zögerlich:
„Der Haushalt wuchs ihr wohl schon über den Kopf, als die Zwillinge auf die Welt kamen. Die Jungs sind jetzt vier und recht wilde Kerle. Sie machen sich ständig dreckig, toben durch die Wohnung und veranstalten Chaos in ihrem Zimmer. Dabei war Hausarbeit noch nie Monas Stärke. Unsere Tochter ist dreizehn, also mitten in der Pubertät und auch keine echte Hilfe. Meine Frau meinte oft scherzhaft, man müsse endlich funktionierende Roboter bauen, die den Menschen die alltägliche Tretmühle abnehmen könnten. Doch wir haben alle unsere Pflichten und unterliegen gewissen Zwängen. Nun gut, eine Kur wäre sicherlich machbar. Wenn es notwendig sein sollte, lässt sich alles organisieren. Es sind ja Sommerferien, meine Schwester ist Lehrerin, die könnte sich um die Kinder kümmern. Doch wird Mona wieder richtig gesund? Was meinen Sie Herr Doktor, wann ist meine Frau wieder einsatzfähig?“

Bei diesen Worten machte es KLICK in meinem Kopf. Es war, wie wenn man einen Schalter anknipst, um Licht ins Dunkel zu bringen. Schlagartig kehrte meine Erinnerung zurück. Der Spezialist im weißen Kittel bemerkte die Veränderung sofort und sah zu mir herüber. Ich schaute ihm direkt ins Gesicht und schüttelte den Kopf. Dann richtete ich meinen Blick auf den Tisch neben dem Bett. Der Arzt stand auf, nahm die Klarsichthülle in die Hand, las meine Worte und reichte meinem Mann den Zettel ohne jeden Kommentar: Vorübergehend außer Betrieb!



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Dieser Artikel wurde am 22.November 2013 von mandy geschrieben.

von: Mandy Steffan

Mandy Steffan, Community Management