Haltepunkt – von Alexander Zahn

20.11.2013
Alaunplatz. Die Computerstimme der Ansagerin in der kalten Künstlichkeit um ihn herum. Es ist November, Kälte außen, Kälte in der Bahn. Geruch nach Metall und Gummi.

solitude-57920_640 Plötzlich etwas wie ein Blitzschlag in seinen Gedanken. Ihm ist, als ob sich die ganze Welt in einer einzigen Sekunde um ein Stück zur Seite schiebt und neu einrastet. Eine neue Sicht auf das Universum, auf das Leben, was, wie er in diesem Moment feststellt, das Gleiche ist. Schließt er Augen und Ohren, hört beides auf zu existieren. Eine Illusion. Wie könnte sie auch echt sein, diese neue Wahrnehmung? Die Blicke der Mitfahrenden um ihn herum leer, Ehepaare, die auf Zweierbänken sitzen um den Schein zu wahren, aber so weit auseinandergerückt sind wie nur möglich. Junge Männer und Frauen mit riesigen Kopfhörern, die versuchen, die Welt nur noch ein paar Minuten auszusperren. Abgespannte Mittvierziger mit toten, blutunterlaufenen Augen. Die fröhlichste Gestalt ein irre grinsender, nach Alkohol stinkender Obdachloser.
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Roundtrip to Hell and Back – von Carlos Ferreira

19.11.2013

Diese Kurzgeschichte ist nur auf Englisch verfügbar.

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Die Zeit von früher – von Marja Holzkamp

19.11.2013
In den Achtzigern war alles anders, denkt Ina. Die Mode und die Gründe, zu demonstrieren, kommen einander wieder näher, aber der Zeitgeist selbst hat sich gewandelt. Trotzdem gesellt sie sich zu den hauptsächlich bunt gekleideten Leuten mit zerzausten Haaren und lässt sich ein Schild in die Hand drücken. „Gegen die Banken“, steht darauf. demonstration-144957_640Sie hebt es hoch und kann nicht anders: Sie stimmt die Slogans mit an, denn auf einmal fühlt sie sich wie damals, als sie noch studierte. Die Zeit der härtesten Demos war Mitte der Achtziger vorbei, aber die gemäßigten Protestmärsche fanden weiterhin statt. Der Rhythmus der Gesänge und der alte Idealismus sind noch lange nicht tot.
Gegen das Establishment! Tod dem Kapitalismus! Wo bleibt der Bürger? Die Banken sind kriminell!
Die gemeinsamen Rufe versetzen die Menge in Aufruhr und entfachen Wut. Energie strömt durch Inas Körper und verstärkt ihre Stimme. Morgen wird sie heiser sein; egal, es geht um wichtige Dinge. Vielleicht wird sie von Bekannten gesehen, aber auch gegen diesen Gedanken wehrt sich ihr Trotz. Sie schreit mit, gegen ihre Eltern, gegen die Regierung, gegen die Banken: Gegen alles, was damals Macht hatte und was auch heute noch für Unterdrückung steht.
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Neuigkeiten – von Jana Lippmann

18.11.2013
Irgendetwas war passiert. Polizei- und Notarztwagen standen vor dem Haus, seit einer halben Stunde schon.
Eine neugierige Menschentraube belagerte den Eingang. Wilde Spekulationen machten die Runde, aber niemand wusste etwas Genaues. Einbruch? Überfall? Mord und Totschlag?
Vielleicht eine Schlägerei? Oder doch nur eine belanglose Ruhestörung?
Ein Polizist eilte durch den Hausflur nach draußen. Offenbar wollte er zum Streifenwagen, doch die neugierige Meute hielt ihn auf.
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25 Cent! – von S. Fischer

18.11.2013

Zehn Minuten frei sein. Luft riechen und Himmel einatmen. Einfach rauskommen und abtauchen in eine andere Welt. Ganz ohne die Gefahr, auf die Straße gehen zu müssen. Von einem Auto überfahren werden oder sonst irgendeinem Verrückten begegnen. Jeden Abend während der Hausarbeit als eine kleine Ablenkung von der Pflicht spüren, dass es das noch gibt, echtes Leben.

Frau Lindenthal blickt aus dem viereckigen Loch in ihrer Wand. Sie sieht das eine oder andere. plastic-bottles-115071_640

Ein Auto, einen Radfahrer und eine gepflegte Grünfläche gegenüber von ihrem Haus. Die Straße ist grau und nicht sehr belebt. Auf dem Bürgersteig bleibt ein Mann stehen. Er ist mittleren Alters, hat schütteres Haar, geht krumm und sieht teilweise unscheinbar aus. Er bückt sich. Sein blau kariertes Hemd rutscht ein Stück weit nach oben und seine schwarze, ausgeblichene Hose ein Stück weit nach unten.

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