Unentschieden – Ute Thien

10.10.2017

Martin sah, wie der Mund seiner Frau auf und zuging. Trotzdem verstand er kein Wort. Er hatte abgeschaltet. Wie so oft in letzter Zeit, wenn es um das Thema Justus ging. Karins scheinbar endloser Wortschwall waberte an seinem Ohr vorbei, während sie am Küchentisch saßen.
Als seine zweite Ehe begann, hätte er sich niemals träumen lassen, dass sein Sohn bei seiner zweiten Frau eines Tages plötzlich solche Emotionen auslösen könnte. Sie mache sich nichts aus Kindern, hatte Karin ihm gleich zu Beginn eröffnet. Und ihm war das nur mehr als recht, hatte er doch tatsächlich selber Schwierigkeiten gehabt, zu Justus eine emotionale Beziehung aufzubauen. Merkwürdigerweise hatte sich das im letzten Jahr geändert. Weil der Junge so entwaffnend offen auf ihn zugekommen war. Natürlich nicht uneigennützig – so etwas war bei pubertären 15-jährigen wohl kaum zu erwarten – nein, weil sie plötzlich auf der gleichen Wellenlänge lagen. Er als erfahrener Sportjournalist und sein Sohn als junges Talent, der bei einem großen Verein ins Internat gebeten worden war. Fußball Und natürlich hatte es Zeit gekostet, den Jungen zu begleiten. Zu den zahllosen Trainings und Sichtungen, bis es endlich so weit war. Martin erinnerte sich gut an den Tag vor ein paar Wochen, an dem er ihn in dem Nachwuchszentrum abgeliefert hatte, gemeinsam mit Justus’ Mutter und ihrem neuestem Freund. Der spielte im wahrsten Sinne des Wortes die erste Geige – auch im Leben seiner Freundin. Die sich ihm aus ihrer vollen Künstlerseele heraus widmete, wahrscheinlich, um die gescheiterte Cello-Karriere ihres Sohnes vergessen zu machen, wie Martin vermutete. Die Diskrepanz zwischen ihren kulturellen Ansprüchen und seiner rauen und damals sehr von Männern geprägten beruflichen Laufbahn hatte seine erste Ehe schon nach wenigen Jahren scheitern lassen. Und Karin? Nun, die interessierte sich zwar auch nicht für Sport oder vorrangig für Fußball, war aber so praktisch veranlagt, dass sie ihn durchaus unterstützte. Indem sie sich um die Kollegen kümmerte und in regelmäßigen Abständen bierseelige, zigarettenlastige Männerabende bei Ihnen zu Hause duldete. Oder, indem sie ihn begleitete, zum Beispiel auf offiziellen Terminen, und dort dermaßen unschuldig mit ihrer Sportunkenntnis kokettierte, dass sie die Lacher auf ihrer Seite hatte. Und er den Neid der Kollegen einheimsen konnte. Denn natürlich machte sie Eindruck, allein schon von ihrer Figur her. Sie hatte eben keine Kinder geboren und obwohl unsportlich, achtete sie doch sehr streng auf ihre Ernährung und Gesundheit. Und normalerweise war sie in Alltagsfragen sehr gelassen ja, fast phlegmatisch. Nun allerdings lernte er sie von einer völlig anderen Seite kennen. Je mehr Zeit er darauf verwandt hatte, mit Justus wichtige Termine wahr zu nehmen, desto häufiger waren sie in Streit geraten. Warum er mit Justus dort überall unbedingt hinmüsse, und ob er sich das auch gut überlegt habe. Und so weiter. Er unterstellte ihr Eifersucht und warf ihr vor, das alles nicht beurteilen zu können, so ohne Kind. Und so gab ein Wort das andere und immer öfter redeten sie nicht mehr und er ertappte sich bei dem erschreckenden Gedanken, dass er in diesem Zustand nicht ewig würde weiterleben können. Was sagte sie jetzt wieder? Martin kam aus der Tiefe seiner eigenen Gedanken langsam wieder an die Oberfläche. „ Wenn er Weihnachten nicht bei seiner Mutter sein soll, dann muss er hierher kommen. Martin? Hörst du mir überhaupt zu?“. Martin starrte sie mit offenen Augen an. „Wie meinst du das?“, stotterte er. Karins wütender Blick traf ihn bis ins Mark. „Ich meine das so, wie ich es schon die ganze Zeit meine, Martin! Dass der Junge abgeschoben wird, dass deine Frau ne Kreuzfahrt macht und dass es euch beiden scheinbar recht ist, dass ihr euch nicht kümmern müsst!“ Martin traute seinen Ohren kaum. Hatte er sie denn tatsächlich so sehr missverstanden?
Karin war mittlerweile aufgestanden und in den Flur gegangen, riss ihre Jacke von der Garderobe und drehte sich in der Haustür nur noch einmal kurz um. “Ich muss los, ich habe einen Termin. Und lass uns doch mal in deiner geliebten Fußballersprache bleiben: du hast dir ein Eigentor geschossen. Weil du mir überhaupt nicht richtig zugehört hast. Und weil du egoistisch bist. Wie deine Ex. Weil ihr beide der Meinung seid, dass ich nichts dazu sagen darf, was mit Justus passiert. Weil ihr zusammen sozusagen das eins zu Null im Kinderkriegen geschossen habt!“ Wütend schlug sie die Tür hinter sich zu.

Als Justus am späten Abend nach Hause kam, war Karin noch fort. Aber das erstaunte ihn nicht, denn heute war Mittwoch, da hatte sie ihren Pilates-Kurs und ging hinterher noch mit ihren Freundinnen weg. Und sie war am Nachmittag da gewesen, hatte die Mülltonne wieder hinter das Haus gestellt und sein Abendessen gerichtet. Damit wäre die Streiterei vielleicht erstmal beigelegt.
Martin kroch satt und zufrieden und mit gutem Gefühl unter die Bettdecke. Bis Karin nach Hause kam, war er sicherlich eingeschlafen. Das war aber ja nicht schlimm, denn in ihrem geplant kinderlosen Leben hatten sie ja noch viele Jahre ungestörter Zweisamkeit vor sich. Wenn das Thema Justus vielleicht doch abgehakt war. Als er sich zum Lichtschalter an seinem Nachtschrank hinüberbeugte, fiel sein Blick auf das gerahmte Foto, das dort schon immer stand. Es zeigte Justus als Vierjährigen, am Strand von Norderney. Diesmal war von dem strahlenden, sommersprossigen Gesicht allerdings nichts zu sehen. Es wurde verdeckt von einem langen Plastikröhrchen, das mit Tesafilm quer über den Rahmen geklebt worden war. Martin sagte der Name der Firma nichts. War das etwa ein Schwangerschaftstest? Er sah genauer hin und erkannte in der Mitte, in einem kleinen Fenster, ein deutliches, dunkelblaues Kreuz. Am Bilderrahmen hing ein gelber Post-it Zettel. Auf dem stand mit Karins schwungvoller Handschrift nur ein einziges Wort: Unentschieden!

Von: Ute Thien

Für den Inhalt und die Gestaltung der Geschichten sind die benannten Autoren verantwortlich. Alle Rechte liegen bei den Autoren.

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Dieser Artikel wurde am 10.October 2017 von mandy geschrieben.

von: Mandy Steffan

Mandy Steffan, Community Management